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Freitag, 5. Juni 2015

{Geschichte #13} Es war einmal ein Kleid...

Damit dieser Blog nicht ganz einschläft, habe ich beschlossen die kurzen Geschichten, die mir manchmal im Kopf herum irren, aber nicht für eine spannende/tiefsinnige/sinnvolle Kurzgeschichte reichen, auch noch zu veröffentlichen. Nach den Prüfungen wird es bestimmt wieder besser...
*Die folgende Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit.

Es war einmal ein Kleid...

Es war einmal ein Kleid. Es gehörte einer jungen Frau, doch leider hasste sie Kleider und außerdem passte es ihr nicht mehr. Also wollte sie es weg werfen. Das Kleid war traurig und hatte Angst. Es wollte doch so gerne weiter leben - und wenn es nur als Lappen zum Schuheputzen war...
Als die junge Frau am nächsten Tag in die Schule ging und ihren Freundinnen von ihrem Vorhaben berichtete, horchte eine davon auf. Sie versuchte das Leben des Kleides zu retten und sagte, dass sie das Kleid haben möchte, bevor es im Müll landet. Sie würde bestimmt eine Verwendung dafür haben.
Die junge Frau lies sich darauf ein und gab ihrer Freundin das Kleid, Hauptsache sie war es los.

Die Freundin war jedoch viel kleiner und es gab keine Möglichkeit das Kleid auf ihre Größe anzupassen. Also fragte sie es, ob es ein Rock werden wolle und das Kleid antwortete fröhlich mit "Ja". Zwar würde es eine ganze Menge Stoff verlieren, aber wenigstens würde es noch getragen werden und das wollte das Kleid am meisten.

Samstag, 8. November 2014

{Geschichte #12} Mama

Mama

Ich glaube, dass meine Mutter tot ist.
Ihre Augen sind tot, jedes mal, wenn sie mich ansieht. Und ihre Haut ist so grau wie Asche, als wäre sie schon lange verbrannt.
Ich glaube, dass es meine Schuld ist. Mein Vater sagt, dass es meine Schuld ist.
Er sagt, dass ich meine Mutter so traurig gemacht habe, dass sie jetzt gar nichts mehr fühlt und dass er mich dafür hasst.
Ich erinnere mich nicht mehr daran, wann mein Vater begonnen hat mich zu hassen und wann sich meine Mutter dafür entschied, tot zu sein. Ich glaube, es war schon immer so.
Vielleicht liegt es an meinen Superkräften, vielleicht haben meine Eltern Angst davor, was ich mit ihnen anstellen könnte.
Ich habe die Fähigkeit keinen Schmerz zu spüren und mit jedem Tag, an dem sich Teile meiner Haut blau färben, wird diese Fähigkeit größer.
Manchmal, wenn mein Vater mich bestraft, spüre ich nicht einmal mehr den Hauch einer Berührung.
Aber ich weiß, dass seine Hände so heiß sind wie Feuer und dass sie mich mit jedem Schlag mehr und mehr verbrennen.
Früher habe ich versucht das Feuer mit meinen Tränen zu löschen, aber ich habe vergessen wie man weint.
Ich verbrenne, so wie meine Mutter verbrannt ist. Irgendwann werde ich nur noch Asche sein und meine Fähigkeit, keinen Schmerz zu spüren, zeigt nur, dass ich gestorben bin.
Tote spüren keinen Schmerz.
Vielleicht hat meine Mutter auch Superkräfte und vielleicht nimmt sie mich irgendwann in den Arm. Vielleicht sind wir dann wieder lebendig.


*Nachdem ich gefragt wurde, ob ich aus Erfahrung spreche: Nein, diese Geschichte ist bloß erfunden und sollte einem Projekt dienen.

Dienstag, 3. Juni 2014

{Geschichte #11} Die kleine Fee


Die kleine Fee

Es war einmal ein kleine Fee.
Sie liebte den Sommer, liebte es über Blumenwiesen zu fliegen.
Ihre rotes Haar flatterte und leuchtete im warmen Wind wie Feuer.

Sie genießt die Freiheit, das Leben.
Doch was niemand weiß:
In der Fee ist Dunkelheit.
Erst war sie nur ein Punkt,
der sich immer weiter und weiter ausbreitete.
Bis die kleine Fee völlig davon erfüllt war.

Zu viel musste die kleine Fee erleben.
Zu viel musste sie sehen.
Zu großen Schmerz musste sie ertragen.

Schmerz, der sie innerlich zerstörte.
Doch das Feuer, es blieb.
Das Feuer, das der kleinen Fee jeden Tag Kraft gibt aufzustehen.
Das Feuer, das sie dazu bringt über die Wiesen zu fliegen,
um irgendwann wieder heil zu sein.

Doch auch wenn die Wunden heilen.
Irgendwo in ihr wird immer ein dunkler Punkt bleiben.

Aber vielleicht wird er
irgendwann
keine so große Bedeutung mehr haben.

Samstag, 17. Mai 2014

{Aktion} Der Einhorn-Porno - Meine Geschichte mit euren Worten

Endlich habe ich es geschafft die Aktion zu Ende zu machen.
Wer das Video sieht, denkt vielleicht, dass ich das auch schon vor drei Wochen hätte machen können, weil so viel ist das ja nicht, aber eigentlich hatte ich für das Video noch mehr geplant. Leider konnte ich diese Pläne aus Zeitgründen nicht umsetzen. Dazu kommt, dass ich ganz schön müde war. 
Allerdings wollte ich euch nicht noch länger warten lassen und vielleicht gefällt es euch ja trotzdem =)
Schreibt mir mal bitte in die Kommentare, wie viele eurer eigenen Wörter ihr raus gehört habt.

PS: Das Video hat nach 18 Stunden schon 82 Aufrufe (wahrscheinlich wegen dem "Porno" im Titel) und einen Daumen runter (wahrscheinlich, weil es kein Porno ist, sondern einfach ein komisches Mädchen, das was vorließt) =D

Samstag, 10. Mai 2014

{Geschichte #9} Das Mädchen und ihre zerbrochenen Schneekugeln

Es war einmal ein Mädchen, das es schaffte jede Schneekugel, die es in seine kleine Hände bekam, einzubrechen, sodass die Flüssigkeit und der Schnee heraus liefen und zum Schluss nur noch die Figuren übrig blieben, die sie im Sommer mit in den Garten nahm und im Winter in ihrem Kinderzimmer mit einem selbstgestrickten kleinen Schal zudeckte.
Als ihre Mutter sah, was sie tat, schenkte sie ihrer Tochter Puppen mit denen sie spielen sollte, damit sie die Schneekugeln nicht immer kaputt machen musste.
Doch das Mädchen rührte die Puppen nie an. Sie wollte nur noch mehr Schneekugeln.
Die Mutter sagte, sie bekäme erst wieder eine, wenn sie verstanden hätte, dass man Schneekugeln nicht zerstört, dass ihr einziger Zweck darin bestehe geschüttelt zu werden, damit der Schnee auf die Figuren fällt.
Doch das Mädchen verstand es nicht.
Niemals wieder schenkt man ihr eine Schneekugel, also begann das Mädchen sie zu stehlen. Aus dem Laden und manchmal sogar von anderen Menschen.
Es gab großen Ärger als ihre Mutter das entdeckte. „Artige Mädchen stehlen nicht, artige Mädchen machen Spielzeug nicht kaputt“, versuchte sie dem Kind klar zu machen. Doch das Mädchen wollte einfach nicht hören.

Viele Jahre vergingen und mittlerweile war das Mädchen kein Mädchen mehr, sondern eine junge Frau.
„Sag mal“, begann die Mutter. „Weißt du noch, warum du als Kind jede Schneekugel zerstört hast?“
„Natürlich weiß ich das“, sagte die junge Frau.
„Ich habe dich früher nie danach gefragt. Aber … Warum hast du das getan?“
„Würdest du nicht heraus wollen, wenn du in einer Glaskugel gefangen wärst?“
„Ja...“
„Und würdest du nicht frieren, wenn es nur schneit, obwohl da draußen Sommer ist?“
„Ich denke schon.“
„Siehst du?“
„Naja, ich bin froh, dass du das mittlerweile nicht mehr machst.“ Die Mutter lachte und ihre Tochter auch. Nur lachten sie nicht aus dem gleichen Grund.

Am Abend ging die junge Frau nach hause, nahm eine Schneekugel, zerbrach das Glas mit ihren bloßen Händen und flüsterte: „Ja, ein Glück, dass ich es nicht mehr mache.“

Montag, 7. April 2014

Geschichte #8 - Das Mädchen mit der Haut aus Asche: Teil 10

Hier kommt ihr zu Teil 9.

„Es war ein Versehen.“
„Und du hast mich einfach in dem Glauben gelassen, dass alles okay wäre. Wie konnte ich bloß so blind sein? Alles hat darauf hingedeutet“, sagte Lukas mehr zu sich selbst als zu Maria.
„Ich wollte dich so lange am Leben erhalten bis ich eine Lösung gefunden hätte.“
„Du weißt, dass es nur diese eine Lösung gibt.“ Und Maria sagte nichts mehr.
Und Lukas auch nicht. Sollte er die Person töten mit der sein Leben wieder ein bisschen Sinn hatte, nur um sich selbst zu retten? Anderseits würde es sowieso nie wieder so werden, wie es in den letzten Wochen war. Und neben ihm drängte Herr Fritz, dass er doch endlich schießen sollte. Und Maria sah ihn einfach nur traurig an. Er wusste nicht, ob sie log oder nicht. Sollte er es riskieren und sie gehen lassen? Und was würde dann mit ihm passieren? Es gab nur eine Möglichkeit.

Aber trotzdem lies Lukas die Waffe wieder sinken.
„Was machst du denn da?“, rief Herr Fritz panisch. Denn Maria raste auf Lukas zu und ehe er sich versah, hatte sie sein Gewehr aus der Hand geschlagen, wieder aufgefangen bevor es auf den Boden knallte und einen sicheren Abstand zu ihm gewonnen.
„Das passiert, wenn man zögert“, schimpfte Herr Fritz. „Jetzt werden wir mit deiner eigenen Waffe getötet.“
Aber Lukas schüttelte nur mit dem Kopf, unfähig etwas zu sagen.
„Du sollst kein Monster werden“, wisperte Maria, vergaß das, was sie als letztes tun wollte und drückte ab.

Und sie fiel.

Und Lukas rannte auf Maria zu, die reglos am Boden lag. Nein, sagte immer wieder eine Stimme in ihm. Nein, nein, nein... Und jetzt weinte auch er und beugte sich über den winzigen Körper, der langsam grau wurde und in sich zusammen viel, sodass nur noch Klamotten und ein kleiner Berg aus Asche übrig blieb, der im Wind fortgetragen wurde.

„Es ist richtig so“, sagte der Mörder. Und Lukas nahm das Gewehr vom Boden und erschoss auch ihn.
Und er wusste, dass Maria nicht gelogen hatte und dass er so falsch lag und dass er nie wieder richtig leben konnte.

Ende

Sonntag, 30. März 2014

Geschichte #8 - Das Mädchen mit der Haut aus Asche: Teil 9

Hier kommt ihr zu Teil 8.

Als die beiden bei ihm zu hause angekommen waren, wartete der Mörder schon auf sie. Maria ignorierte ihn und auch Lukas schenkte ihm auch keine Beachtung. Bis er zu sprechen begann.
„Wartet“, sagte der Mörder und die beiden drehten sich zu ihm um. Maria sah ihn scharf an. Er senkte die Stimme. „Ich habe euch schon öfters gesehen, wie ihr diese Monster jagt.“
Erschrocken sahen sich Maria und Lukas an. Maria dachte immer, dass sie alleine wären. Sie war zu abgelenkt von der Jagt.
„Ich brauche eure Hilfe“, sagte er. Dann warf er Maria einen bedeutungsvollen Blick zu. „Ich werde von einem Zombie tyrannisiert. Jede Nacht kommt er, oder besser sie, in mein Haus. Sie wurde sogar schon handgreiflich.“ Lukas bat den Mörder, Herr Fritz, in seine Wohnung. Und Maria wurde beinahe übel. Herr Fritz, dachte sie. Wie konnte ein so grausamer Mensch Herr Fritz heißen?
Lukas begann ihn über den Zombie auszufragen, wann und wo er sie zum ersten mal gesehen hatte, was der Grund dafür sein konnte und so weiter. Herr Fritz erzählte alles, außer wer der Zombie war. Und den Grund ließ er auch weg. Als er fertig war sah er geschafft aus.
Lukas bat Maria ihm ein Glas Wasser zu holen. Maria gehorchte, obwohl sie Lukas nicht mit ihm alleine lassen wollte.
In der Küche beeilte sie sich. Sie wusste, dass etwas schreckliches passieren würde, wenn sie zu lange brauchte. Sie beeilte sich so sehr, dass sie vergaß ihr Gehör einzuschalten. Dann hätte sie vielleicht gemerkt, dass Lukas und Herr Fritz aufgehört hatten zu reden.
Aber sie merkte es erst, als sie in den Raum zurück trat und Lukas sie anstarrte.

Da war Wut in seinem Blick und Trauer und Verwirrung. Ein Zittern breitete sich in Maria aus. Sie sah von Lukas weg zu Herr Fritz, der spöttisch grinste. Dann lies Maria ihr Glas fallen und rannte.
Sie achtete nicht auf die vielen Menschen, die ihr verwundert hinterher sahen und sie achtete auch nicht auf Lukas und ihren Mörder, die ihr folgten. Sie war sowieso schneller.

Und irgendwann blieb Maria stehen und weinte. Vor Wut. Sie weinte, weil sie ihn hätte gleich töten müssen und sie weinte, weil sie Lukas gleich hätte sagen müssen, was sie war und was sie getan hatte, um gemeinsam eine Lösung zu finden. Und weil sie ihn verloren hatte.

Und dann sah sie das Gewehr, das auf sie gerichtet war und Lukas dahinter. „Bitte“, flehte sie und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, aber immer wieder kamen welche nach. „Bitte, töte mich nicht.“
Lukas sagte nichts.
„Bitte, ich habe nie jemanden getötet. Ich habe Gefühle!“
„Sieh sie dir doch an“, sagte Herr Fritz. „Sie lügt, sie ist ein Monster.“
Aber Lukas sagte immer noch nichts.
„Lukas, bitte glaube ihm nicht. Er ist der Mörder. Er hat mich umgebracht und ich war so … so wütend. Das ist doch ein Gefühl. Und dich Lukas, dich habe ich lieb.“
„Sie lügt“, wiederholte der Mörder.
„Wovon ernährst du dich?“, fragte Lukas kalt.
Maria zuckte zusammen. Sie hatte seine Stimme noch nie so gehört. Nicht mal als er zu anderen Zombies sprach. „Ich esse das, was mir die anderen übrig lassen. Ich töte keine Menschen, glaube mir doch.“
Lukas lies die Waffe sinken. Maria lächelte schwach. „Danke.“
Für einen kurzen Moment wurden auch Lukas´ Züge weicher, aber dann blitzten seine Augen wieder zornig auf, die Waffe richtete er wieder gegen Maria. „Du hast mich gebissen.“

Hier kommt ihr zu Teil 10.

Donnerstag, 27. März 2014

Geschichte #8 - Das Mädchen mit der Haut aus Asche: Teil 8

Hier kommt ihr zu Teil 7. 

Seit diesem Tag trafen sich Maria und Lukas ständig und jagten. Und wenn sie nicht jagten, dann brachte ihr Lukas verschiedene Kampftechniken bei. In der Nacht aß Maria das Menschenfleisch, das ihr die anderen Zombies übrig ließen. Sie tötete nie, wegen Lukas. Und nachdem sie satt war, ging sie zu ihrem Mörder. Nacht für Nacht schien er ängstlicher zu werden. Manchmal verletzte sie ihn. Nur leicht. Sie konnte ihn nicht töten, weil Lukas sonst ihr Geheimnis herausgefunden hätte.
Aber sie nahm sich fest vor, dass sie es bald tun würde. Und wenn es das letzte war, was sie tat.
Das war wohl etwas, das sie aus ihrem Leben mitgenommen hatte: Ihre Zielstrebigkeit. Nur, dass es diesmal nicht um das Erhalten der Schülerzeitung ging oder um den Jungen aus der Unterstufe, den sie vor seinen gewalttätigen Mitschülern rettete. Diesmal ging es um sie. Und noch etwas hatte sie mitgenommen: Sie ließ ihre Feinde leiden, bevor sie zuschlug...

Eines Abends stand Lukas auf dem Balkon und beobachtete die Sonne, die hinter dem schwarzen Horizont langsam verschwand. Die Jagt hatte heute länger gedauert und Maria kam gerade aus der Dusche, wegen des vielen Zombieblutes, als sie ihn sah.
„Was hast du?“, fragte sie. Sie musste sein Gesicht nicht sehen, um zu wissen, was er fühlte. Sie hatte ihn in den letzten zwei Wochen gut genug kennen gelernt, dass sie wusste, dass er gerade verzweifelt war.
„Meinst du es ist richtig, dass ich dir das Jagen beibringe?“ Lukas sah sie nicht an.
Maria trat langsam neben ihn. Auch sie sah ihn nicht an, sondern direkt in die Sonne. „Warum sollte es nicht richtig sein?“
„Weil du noch so jung bist. Du solltest dich mit deinen Freunden treffen oder für die Schule lernen.“
„Und du solltest für die Uni lernen. Was studierst du überhaupt?“
„Jura und jetzt lenke nicht vom Thema ab. Du bist einfach noch zu jung. Wie alt bist du überhaupt? Vierzehn? Fünfzehn?“
„Sechzehn.“
„Trotzdem noch zu jung. Ich hatte von meiner Jugend fast nichts und bei meiner Schwester hat sie noch nicht mal richtig begonnen. Und ich habe dich jagen sehen. Darin bist du großartig und manchmal habe ich das Gefühl, dass du richtig Spaß dabei hast. Das passt einfach nicht zu dir.“
Ruckartig drehte sich Maria zu ihm um. „Du kennst mich doch gar nicht“, fauchte sie. Aber als sie Lukas´ trauriges Gesicht sah, wurde sie sanfter. „Du denkst, dass ich wie deine Schwester bin und du siehst mich als ihren Ersatz an, das ist okay. Aber denk immer daran, dass wir zwei unterschiedliche Personen sind und dass ich niemals so sein kann wie sie.“
Lukas schwieg für einen Moment. Dann flüsterte er: „Ich weiß.“
Und Maria nahm ihn in die Arme, weil sie wollte, dass es ihm besser ging. Und sie wünschte sich, dass das, was sie in sich spürte, Gefühle waren und nicht der Drang sich menschlich auszugeben.

Am nächsten Tag gingen Lukas und Maria in den Wald. Nicht um zu jagen, sondern weil Lukas ihr zeigen wollte, wie man sich am besten an solchen Orten verteidigte, wenn man keine Waffe hatte.
Tatsächlich gab es außer Rennen kaum andere Möglichkeiten und der Ausflug glich mehr einer Naturkundewanderung als einem Kampftraining. Lukas erklärte ihr gerade mit welchen Pflanzen sie ihren menschlichen Geruch verdecken konnte, als sie den Mörder aus den Augenwinkeln sah.
Lukas war in seine Erklärung vertieft und merkte nicht, wie sich Maria abwandte und ihrem Mörder bedrohliche Blicke zuwarf, während sich ihr Gesicht verwandelte.
„Maria?“, fragte Lukas und Maria drehte sich schnell wieder zu ihm.
„Ich dachte ich hätte was gehört“, sagte sie und sah erneut an die Stelle, wo der Mörder eben stand. Er war schon wieder verschwunden. „War wohl nur ein Tier.“ Danach schenkte sie ihre ganze Aufmerksamkeit wieder Lukas.

Hier kommt ihr zu Teil 9.

Samstag, 22. März 2014

Geschichte #9 - Das Mädchen mit der Haut aus Asche: Teil 7

Hier kommt ihr zu Teil 6.

Dann warteten sie. Sie hatten sich in ein kleines grünes Auto verkrochen und sahen angespannt aus dem Fenster. Zumindest Lukas war wirklich angespannt und auch die Hitze war für ihn beinahe unerträglich.
„Können Zombies die Menschen nicht riechen?“, fragte Maria nach einer Weile.
„Ja, aber er wird denken, dass wir zwei abenteuerlustige Jugendliche sind und einfach so angreifen wird er uns auch nicht. Er hat schon gegessen und sie jagen außerdem fast nur bei Nacht.“
„Psst“, machte Maria. Sie konnte ihn schon riechen, bevor sie ihn sah.
Lukas gab ihr einen kleinen Schubs nach vorne und sie kletterte über ein paar Autodächer nach draußen.
Der Zombie hatte seine menschliche Gestalt angenommen und blieb stehen als er Maria sah. Es war der von letzter Nacht. Er ging auf Maria zu, aber sie wich einige Schritte zurück. So lange bis er in der richtigen Position zu Lukas stand. Was sollte sie jetzt sagen, ohne dass er herausfand, was wirklich geschehen war? Wer noch dahinter steckte?
Kurz entschlossen setzte sie einen ängstlichen Gesichtsausdruck auf. „Bitte“, wimmerte sie. „Sagen Sie nicht meiner Mutter, dass ich hier bin. Sie sucht bestimmt schon nach mir, aber ich habe es zu hause einfach nicht mehr ausgehalten.“
„Ja, so ging es mir auch. Ich musste auch weggehen“, sagte der Mann. Es klang beinahe mitfühlend.
„Aber Sie sind bestimmt zwanzig Jahre älter als ich.“
„Da hast du recht, aber es liegen tausende Kilometer zwischen meiner Heimat und hier.“
„Oh, das tut mir leid“, sagte Maria und der Mann kniff die Augenbrauen zusammen. „Ich weiß nicht wohin ich soll. Am liebsten nach Amerika, aber da komme ich ja schlecht hin. Waren Sie schon mal in Amerika? Also ich nicht und ich will alles sehen!“ Und sie unterhielten sich über Amerika. Maria tat begeistert und manchmal schien der Mann verwirrt zu sein, weil sie so viele Gefühle zeigte. Aber sie wusste, dass es ihm egal war.

Und dann kam Lukas. Er wirbelte den Mann herum, setzte ihm sein Gewehr auf die Brust und wurde mit einem heftigen Stoß an ein schwarzes Auto geworfen, sodass eine tiefe Delle entstand.
Dann drehte sich der Mann zu Maria um. „Lauf“, brüllte er ihr zu und begann sich zu verwandeln.
Maria lief, aber nicht weg. Lukas wollte aufstehen, der Zombie raste auf ihn zu.
Maria sprang zwischen sie.
„Das war eine Falle“, knurrte er und holte mit seiner Hand, die mehr einer Klaue glich, aus.
Maria wich keinen Schritt zurück, aber wehren konnte sie sich auch nicht, wenn Lukas zusah.
Und bevor sie merkte, was geschah, war Lukas vor ihr. Die Krallen gruben sich in sein Fleisch und zogen fünf schmale, aber tiefe Linien über seinen Oberkörper.
Lukas schoss noch bevor er den Schmerz spürte mitten in das Zombieherz. Dann viel er in Marias Arme. Er merkte nicht mehr, dass sie nicht mal schwankte, als sein Gewicht plötzlich auf ihr lastete.
Sie hievte ihn über den Schrott zu seinem Auto, legte ihn auf die Rückbank und fuhr ihn nach hause.
Sie hatte Glück, dass kein Polizist in der Nähe war, dass der Block, in dem Lukas wohnte, einen Aufzug hatte und dass sie einen Schlüssel im Auto fand.

Als Maria seine Wunden verarztete, wünschte sie sich, sie hätte den Zombie gleich angegriffen, ohne auf Lukas zu achten. Dann wäre ihm wenigstens nichts passiert.
Sie hatte keine Schwierigkeiten damit, die Wunden mit Alkohol zu säubern und sie mit Garn zuzunähen. Sie hatte sich unter Kontrolle, wollte nicht zubeißen. Aber vielleicht lag es nur daran, dass ihr Gift schon in ihm war. Nach diesem Gedanken wandte sie sich von ihm ab. Es war, als dürfte sie ihn nicht mehr ansehen.
Lukas öffnete die Augen und wollte aufstehen, aber Maria bedeutete ihm mit einem warmen Lächeln liegen zu bleiben. „Ich hole dir Wasser“, sagte sie und als sie wieder kam, sah Lukas sie ein wenig überrascht an. „Woher weißt du, wie man Wunden zunäht?“
Maria zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung, ich weiß es einfach.“ Sie hoffte, dass Lukas nicht weiter nach dem Warum fragen würde. Langsam begann sie dieses Wort zu nerven. Es war eben so, keine weiteren Erklärungen.
„Und warum bist du nicht mit mir ins Krankenhaus gefahren?“
„Meine Mutter arbeitet dort als Krankenschwester. Was hätte ich ihr sagen sollen?“
Lukas überlegte kurz. „Stimmt, Danke fürs Retten.“
„Das müsste wohl eher ich sagen … Was passiert jetzt mit dem Zombie? Ich hatte keine Zeit ihn zu vergraben.“
„Das ist nicht schlimm. Nach ein paar Minuten zerfallen Zombies zu einer Art Asche, wegen dem Gift.“
„Ach so“, sagte Maria und schloss das Thema ab. Sie kümmerte sich so gut wie es ging um Lukas und allmählich verschwanden seine Schmerzen. Am Abend fuhr Maria mit dem Bus heim.

Hier kommt ihr zu Teil 8.

Sonntag, 16. März 2014

Geschichte #9 - Das Mädchen mit der Haut aus Asche: Teil 6

Hier kommt ihr zu Teil 5.

Es war ein kleines schönes Haus mit vielen Fenstern, als hätte es keine Geheimnisse. Ihr Mörder saß im Wohnzimmer und starrte auf den Fernseher. Maria konnte ihn nur von hinten sehen. Er bemerkte sie nicht.
Aber sie bemerkte noch etwas anderes: Ein Fenster schräg über ihr. Sie kletterte die Wand hinauf und stieß ihren Ellenbogen in die Scheibe.
Tausende von winzigen Scherben vielen auf den hellen Holzboden und in das weiche Gras unter ihr. Schnell kroch sie durch das Loch. Sie hörte die hastigen leisen Schritte ihres Mörders. Aber vor der Tür blieb er stehen. Sie beobachtete, wie sich die Klinke langsam nach unten bewegte.
Dann schwang die Tür auf. So doll, dass sie eine Schramme an der Wand hinterließ, an die sie knallte.
Und Maria war weg.

Zuerst blieb der Mörder in der Tür stehen und sah sich im Raum um. Als er nichts entdecken konnte, ging er auf die Scherben zu. Sie schimmerten im Licht des Mondes, einige von ihnen rot von Marias Blut. Auch die Augen des Mörders schimmerten. Wie die eines Raubtieres, wie Marias, als sie ihn sah.
Lautlos sprang sie von der Decke des Zimmers auf den Boden und beobachtete den Mann, wie er die Scherben durchsuchte. Warum tat er das? Was wollte er finden, wenn er sich blutige Scherben ansah? Irgendwann gab er die Suche auf. Er drehte sich um und zog scharf die Luft ein als er Maria sah.
Sie ging einen Schritt auf ihn zu, er wich zurück. Die Scherben bohrten sich in seine Hände. Seine Augen sahen nicht mehr gefährlich aus, sonder angsterfüllt. Ja, sie wollte ihn leiden sehen.
Niemand sagte etwas. Die Stille machte es für ihn noch bedrohlicher. Dann schrie Maria. Sie schrie so laut sie konnte. Ihr Mörder rollte sich zusammen wie ein kleines Kind, kniff die Augen zu und presste seine blutigen Hände an die Ohren. Bis das Schreien aufhörte.
Als er aufsah war sie verschwunden. Diesmal richtig.

Am nächsten Tag verschwand Maria so schnell wie möglich aus der Schule. Lukas wartete schon auf sie.
„Wo fahren wir hin?“, fragte sie als sie erkannte, dass sie nicht in die Richtung von Lukas´ Wohnung fuhren.
„Da ist so ein kleines Dorf. Letzte Nacht ist dort schon wieder ein Mensch verschwunden. Ich habe den Zombie schon ausfindig gemacht und...“
„Meinst du nicht, dass ich erst mal üben müsste bevor ich auf eine Jagt mit gehe?“, unterbrach ihn Maria.
„Nein, ich denke, dass es besser ist, wenn du mir bei dieser Jagt ein bisschen hilfst … Außer du willst nicht.“
„Doch“, sagte Maria viel zu schnell und viel zu hoch. Die Jagt war die einzige Möglichkeit das Warum und Wie herauszufinden und ein Wie war ihr besonders wichtig: „Wie tötet man eigentlich einen Zombie? Schießt man einfach drauf los oder was?“
Lukas schmunzelte über Marias Tonfall, wurde aber sofort wieder ernst. „Man muss ins Herz treffen, andere Verletzungen schwächen sie nicht. Weißt du, das Gift sorgt dafür, dass das Herz wieder schlägt. Es ist ihr wichtigster Punkt.“
„Fast wie bei Menschen“, sagte Maria, aber Lukas reagierte nicht darauf. „Gibt es auch noch andere Möglichkeiten?“
„Nein.“
„Und was ist, wenn ich gleich gebissen werde?“
„Wirst du nicht und wenn, dann macht das nichts, weil ich den Zombie töte. Das macht das Gift wirkungslos, zumindest solange du noch nicht tot bist.“ Und Maria fand einen weiteren Grund mitzukommen: Sie musste Lukas so lange wie möglich am Leben erhalten, zumindest bis sie eine andere Lösung als ihren endgültigen Tot zu seiner Rettung gefunden hatte. Warum, wusste sie nicht.
Sie fuhren an dem Feld von gestern Nacht vorbei und Maria stellte fest, dass es gar kein Weizen war. Es sah so ähnlich aus, war aber viel höher. Lukas beachtete es nicht.

Der Ort, an dem Lukas den Wagen parkte, war sehr abgelegen. Es war ein Schrottplatz, auf dem hunderte von alten kaputten Autos standen. Einige stapelten sich zu kleinen Türmen, andere waren mit Graffiti besprüht. Die Sonne tauchte alles in ein warmes Licht. Aber es war still. Nirgendwo war ein Vogel zu hören.
Maria sah sich um. „Gehört das alles nicht irgendjemanden?“
„Nein, die Menschen kommen nur hier her, um ihre alten Autos los zu werden. Sonst wurde es einfach vergessen. Solche Orte sind perfekt für Zombies.“
„Was machen wir jetzt?“
Lukas erklärte ihr den Plan. Er war einfach. Maria musste den Zombie einfach nur ablenken, sodass er Lukas nicht bemerkte. Auch wenn die Sinne eines Zombies sehr scharf waren, ließen sie sich doch leicht ablenken. Lukas wollte von hinten kommen und ihn erschießen. „Aber er muss völlig auf dich konzentriert sein, sonst bemerkt er mich und es kommt zum Kampf. Und leider sind sie stärker und schneller als wir.“

Hier kommt ihr zu Teil 7.

Montag, 10. März 2014

Geschichte #9 - Das Mädchen mit der Haut aus Asche: Teil 5

Hier kommt ihr zu Teil 4.

Achtung: Dieser Teil der Geschichte ist zumindest für meine Verhältnisse was selbstgeschriebene Sachen angeht ziemlich blutig und grausam. Ich hoffe, dass das euch nicht ganz so viel ausmacht. Wenn du solche Szenen gar nicht magst oder noch sehr sehr jung bist, bitte ich dich nicht weiter zu lesen.

„Warum bist du so spät?“, fragte ihre Mutter streng, als Maria zur Tür hinein kam.
„Ellas Freund hat mit ihr Schluss gemacht. Sie war am Boden zerstört und ich musste ihr doch helfen. Das ist so seltsam, gestern Abend waren sie noch so glücklich.“
„Und darüber wollte ich auch mit dir sprechen.“ Ihr Tonfall wurde sanfter.
„Du weißt doch was passiert ist. Ich bin eingeschlafen, es wird nie wieder vorkommen.“
„Habt ihr viel getrunken?“
„Nein, fast gar nichts. Ich war einfach nur müde, weil ich in der Nacht davor nicht viel geschlafen habe.“
Ihre Mutter schien besorgt. „Und da triffst du dich noch mit deinen Freunden, anstatt ins Bett zu gehen?“ Maria zog die Augenbrauen hoch. „Okay, blöde Frage“, sah ihre Mutter ein. „Wie geht es Ella jetzt?“
Und das war es. So lange so etwas nicht wieder geschah, würde sie nie wieder ein Wort darüber verlieren.

Als Maria an diesem Abend in ihrem Bett lag und an die Decke starrte, spürte sie plötzlich eine Leere in sich. Es war als wäre sie nur noch eine Hülle, kein Inhalt, kein Blut, kein Herz. Ihre Hand kroch auf ihre Brust. Tatsächlich war das Klopfen nur noch schwach und langsam.
Sie setzte sich auf. Sie wusste, dass es kurz vor Mitternacht war, auch ohne auf den Wecker zu sehen. Ihre Mutter schlief schon.
So leise wie möglich öffnete sie das Fenster und sprang ins Freie. Sie hatte noch ihr Nachthemd an, aber das war ihr egal. Sie atmete tief ein und witterte einen Toten, einen lebenden Toten. Sie hatten diesen seltsamen süßen Geruch nach Leiche. Aber anders als bei einer Leiche, war da noch der scharfe Geruch des Giftes, das sie zu dem machte, was sie waren. Es waren zwei Gerüche, die ein Mensch nicht wahrnahm und selbst das Gift konnte ein Zombie nur erkennen, wenn es schon gewirkt hatte.
Maria rannte in die Richtung, aus der der Geruch kam. Er entfernte sich immer weiter aus der Stadt. Aber sie folgte ihm so schnell sie konnte.
Immer wieder verlor sie die Spur, fand sie aber schnell wieder. Bis er sich nicht weiter entfernte. Maria war jetzt irgendwo auf dem Land. Vor ihr erstreckte sich ein weites Weizenfeld, das sich sanft im Wind wiegte. Sie atmete noch einmal tief ein.
In dem Feld befanden sich jetzt zwei Personen, der Zombie und ein Mensch. Dann ein leises seltsames Knacken. Maria roch das blutige Fleisch intensiver als alles andere um sie herum. Gebannt von diesem Geruch rannte sie weiter in das hohe Feld. Aber als sie den Zombie sah hielt sie inne. Sie ging ein paar wenige Schritte zurück in das Feld, um verborgen vor seinen Blicken zu sein. Trotzdem wusste Maria, dass er wusste, dass sie hier war.
Aber er ließ sich nichts anmerken, sondern riss ein Stück von seinem Opfer ab und steckte es sich in den Mund. Und dann wurde er gieriger. Die Stückchen wurden größer und dann riss er gar nichts mehr ab, sondern nagte an dem Körper.
Fasziniert sah Maria zu und etwas in ihr drängte sie dorthin zu rennen und auch zu essen. Aber sie schüttelte nur den Kopf, sie musste sich unter Kontrolle haben. Dann ging sie ein paar weitere Schritte zurück.
Aus seiner Besessenheit gerissen, sah der Zombie auf. Er sah Maria kurz in die Augen und verschwand.
Als sie ihn nicht mehr riechen konnte, ging sie langsam auf den Bluthaufen, aus dem auch ein paar Knochen ragten, zu. Sie hockte sich davor und beugte sich vorsichtig zu den Überresten nach unten. Sie merkte, wie sie ihre wahre Gestalt annahm, wie ihre Zähne länger wurden. Dann biss sie zu.
Es war wie eine Explosion in ihrem Mund. Sie konnte zwar nicht ausmachen, ob es gut schmeckte oder nicht. Aber es schmeckte stärker als alles, woran sie sich erinnern konnte.
Und mit jedem Bissen wollte sie mehr.
Bis die Leere weg war.

Sie grub ein Loch, das groß genug war, um die Überreste zu verstecken. Es war nicht viel. Und als Maria alle Spuren verwischt hatte, verschwand auch sie. Weg vom Feld, weg vom Land, zurück in die Stadt. Direkt auf das Haus zu, das Haus ihres Mörders. 

Hier kommt ihr zu Teil 6. 

Mittwoch, 5. März 2014

Geschichte #9 - Das Mädchen mit der Haut aus Asche: Teil 4

Hier kommt ihr zu Teil 3.

Auf der Fahrt sagten sie kaum etwas. Maria sah abwesend aus dem Fenster und der Mann ab und zu zu ihr herüber. Er fragte sie mehrmals, ob es ihr wirklich gut ginge und jedes mal antwortete sie mit „Ja“, auch wenn sie nicht wusste, wie sich „Gut“ anfühlte.
Einmal fragte er sie, wie sie hieß und Maria antwortete. Dann sagte er ihr, dass seine kleine Schwester Marie hieß und er selbst Lukas.
Er wohnte in einer kleinen Neubauwohnung im obersten Stockwerk.
„Setz dich doch“, forderte er Maria auf, als sie einfach nur da stand.
Sie ließ sich in einer Ecke des alten blauen Sofas, das mitten im Raum stand, nieder. Lukas setzte sich ihr gegenüber. „Du hast gesagt, dass du wissen willst warum das alles passiert … Warum?“
Maria begann ohne zu zögern: „Ich kannte mal jemanden. Sie hat ständig davon geredet, dass sie von etwas angegriffen wurde. Etwas, das aussah wie ein Zombie. Wir alle dachten, dass sie verrückt sei. Und dann ist sie gestorben.“ Maria machte eine kurze Pause, damit sie betroffener wirkte. „Sie kam wieder, ich habe sie gesehen. Sie hat mich angegriffen, aber ich bin geflohen bevor sie mir etwas tun konnte. Ich will wissen, wie das passieren konnte.“
„Der Zombie hat sie gebissen. Das tun sie, um sich fortzupflanzen. Man hat dann das Gift in sich, aber es wird erst aktiv, wenn man stirbt.“ Er sah auf seine Hand. „Du bist aber kein Zombie, oder?“
Maria grinste. „Sehe ich etwa so aus?“ Aber innerlich dachte sie daran, wie eine ganz normale Frau in ihrem Zimmer stand und sie nicht fliehen konnte, als sie sie biss.
Auch Lukas setzte ein Grinsen auf. „Nein, aber Zombies können ihre Gestalt wandeln.“
„Oh.“ Maria tat überrascht.
„Ja, das macht es nicht immer leicht sie aufzuspüren, aber wenn man einen erkennt, muss man alles daran setzten sie umzubringen.“
„Muss man das?“
„Ja natürlich, sie sind böse! Sie haben keine Gefühle, haben keine Güte. Sie sind einfach nur kalt.“
„Sie haben nicht mal Gefühle wie Hass oder Wut?“
Lukas schüttelte mit dem Kopf und Maria wusste, dass er recht hatte. Es gab nie mehr Gefühle für sie.
„Wie kommt es, dass du sie jagst?“, fragte sie nach einer Weile.
Lukas erschrak bei dieser Frage, dann wurde sein Gesicht weicher. „Das ist eine lange Geschichte.“
„Du meinst, du willst nicht darüber reden? Ist schon gut.“
„Doch“, sagte Lukas schnell. „Ich erzähle sie dir. Vielleicht ist es besser, wenn du es weißt.“ Er machte eine kurze Pause, wohl um sich zu sammeln. „Meine Schwester Marie wurde von einem Zombie getötet. Sie war etwa in deinem Alter. Ich habe nur noch gesehen, wie er mit ihren Überresten verschwand, ich war damals siebzehn, sie ist gerade mal fünfzehn geworden.“ Er starrte auf den kleinen Tisch, der vor dem Sofa stand. Aber Maria wusste, dass er nicht das Holz sah, sondern die Bilder von seiner toten Schwester. „Von da an strengte ich mich mehr in der Schule an, damit ich ein Stipendium bekomme. So habe ich genügend Geld mir die Wohnung und das Auto leisten zu können. Nach meinem Abi bin ich sofort von meinem Zuhause weggegangen. Vormittags gehe ich in die Uni, nachmittags jage ich. Das ist mein Alltag seit etwa drei Jahren.“
„Das tut mir leid.“ Diesmal war es die Wahrheit.
„Ach quatsch, ich tue das gerne. Nicht nur wegen meiner Schwester, auch für die anderen Menschen da draußen. So sind sie sicherer.“ Lukas zögerte einen Moment, dann sprach er weiter: „Du erinnerst mich an sie.“
„Wegen dem Namen?“
„Nein, ihr ähnelt auch vom Aussehen und der Art her. Am liebsten würde ich dich noch mehr vor diesen Dingen beschützen, als alle andere Menschen.“
„Du solltest mir das Jagen beibringen, dann kann ich mich selber beschützen.“ Und noch mehr über mich erfahren, fügte sie in Gedanken hinzu.
„Meinst du das ernst?“
„Ich will nicht sterben.“
Lukas überlegte kurz. „Na gut, aber du musst mir versprechen, dass du niemanden etwas davon erzählst und du dich nicht unnötig in Gefahr begibst.“
„Ich verspreche es.“
„Okay, wann wollen wir anfangen?“
Maria brauchte nicht lange überlegen. „Ich habe morgen sehr früh Schluss. Du könntest mich nach der Schule oder bei mir zu hause abholen, wenn du Zeit hast. Ich muss dir nur sagen, wo ich wohne.“
„Dann sag es, ich fahre dich jetzt schon heim. Es ist schon spät.“

Hier kommt ihr zu Teil 5.

Samstag, 1. März 2014

Geschichte #9 - Das Mädchen mit der Haut aus Asche: Teil 3

Hier kommt ihr zu Teil 2.

Und dann fand sie es und einen Mann. Neben ihrem Grab stand ein Mann, der Mann, der Mörder.
Maria versteckte sich hinter einem Baum, der so breit war, dass sie ihre zierliche Gestalt komplett dahinter verbergen konnte.
Sie beobachtete, wie sich ihr Mörder scharf umsah. Er wusste, dass Maria tot war und es musste in der Nacht jemand gekommen sein, der sie weg geschafft hatte. Der Mann war erleichtert darüber. Nun musste er sich zumindest wegen ihr keine Sorgen mehr machen. Eine verschwundene Leiche und nichts deutete auf ihn...
Er soll leiden, dachte Maria. Er soll genauso leiden, wie ich es musste. Und sie wusste, dass sie die Macht dazu hatte.
Auf einmal spürte sie eine Hand um ihre Hüfte. Dann wirbelte sie jemand herum und presste sie an seinen Körper. Seine Hand hielt er vor ihren Mund. Maria versuchte sich zu wehren, aber der Mann bedeutete ihr still zu sein. Und sie wurde still. Was sollte ihr jetzt schon passieren?
Sie spürte, wie sich in ihr etwas regte. Sie roch das menschliche Fleisch unter ihrer Nase. Sie brauchte nur zuzubeißen. Ohne darüber nachzudenken tat sie es.
Der Mann gab einen kaum hörbaren Laut von sich, aber Maria wusste, dass noch jemand diesen Laut gehört haben musste. Sie wusste es noch bevor das Monster auf die beiden zuraste.
Der Mann warf Maria so sanft wie möglich von sich und schoss. Der Zombie fiel zu Boden, er bewegte sich nicht mehr.
Er kniff die Augen zusammen und drehte sich zu Maria. Er war groß und seine Muskeln traten unter seinem Shirt hervor. „Du hast mich gebissen.“
„Tut mir leid“, log Maria. „Ich dachte, du willst mich entführen oder so.“ Sie zögerte kurz. „Danke fürs Retten.“
„Bist du nicht verwirrt oder ängstlich?“, fragte der Mann ein wenig verwundert, aber Maria schüttelte mit dem Kopf. „Nein, nicht verwirrt und sehr ängstlich bin ich auch nicht mehr. Ich will nur wissen, warum das alles passiert. Du kennst dich mit ihnen aus, oder?“
„Äh ja“, sagte er jetzt selber ein wenig verwirrt. Dann lächelte er. „Du kannst mit zu mir kommen, wenn du willst. Ich habe mein Auto dabei.“
Maria nickte und folgte ihm. Sie sah sich noch einmal zu ihren Grab um, aber ihr Mörder war verschwunden.

Hier kommt ihr zu Teil 4.

Mittwoch, 26. Februar 2014

Geschichte #9 - Das Mädchen mit der Haut aus Asche: Teil 2

Hier kommt ihr zu Teil 1.

Obwohl nirgendwo Licht war konnte Maria ihr Spiegelbild haargenau erkennen. Es sah aus wie immer, unversehrt, beschützt. Nur ihre Haut wirkte blasser. Und ihre Augen, die einmal so leuchteten, verloren nach und nach ihre Farbe.
Sie sah an sich herab.
Die Haut, die vor einer Sekunde noch weich und unberührt aussah wurde grau und zerfetzte und dort, wo sie nicht zerfetzt war, traten dunkelblaue Adern hervor. Ihr Gesicht sah plötzlich älter aus, ihre Lippen beinahe farblos und unter ihren Augen weiteten sich Ringe in einem dunklen Violett aus. Ihre welligen Haare verloren ihren Glanz und hingen nur noch leblos an ihr herunter, ihre Nägel wurden rissig und fast schwarz.
Aber Maria hatte keine Angst. Es schien ihr normal.

Mit einem lauten Knall schwang die Tür auf und ihre Mutter hetzte in den Raum.
Maria schreckte um. Sie durfte sie nicht so sehen. Schnell griff sie zu ihrem Bademantel und verdeckte ihren Körper.
Ihre Mutter starrte sie geschockt an, dann schloss sie ihre Tochter in die Arme. Sie weinte.
Maria erhaschte einen kurzen Blick in den Spiegel. Alles sah wieder so aus wie vorher. „Wo warst du nur? Warum bist du nicht nach hause gekommen?“
„Ich weiß nicht“, sagte Maria tonlos. „Die anderen haben gesagt, dass ich eingeschlafen bin und als ich wieder aufwachte, war es schon so spät.“
„Aber wie bist du rein gekommen? Ich war die ganze Zeit unten und habe auf die gewartet. Ich hätte beinahe die Polizei gerufen, ist dir das klar?“ Jetzt weinte sie nicht mehr, sondern sah Maria direkt in die Augen. Ihr Tonfall wurde strenger.
„Ich habe mich zur Hintertür rein geschlichen. Das Licht war aus und ich dachte, dass du schon schläfst. Ich wollte dich nicht wecken. Bitte Mama, ich bin doch hier und ich möchte schlafen. Können wir nicht morgen darüber reden?“
Prüfend sah sie Maria von oben bis unten an. Ihr Blick wirkte nachdenklich „Okay, dann bis morgen“, flüsterte sie mit einem schwachen Lächeln und verließ den Raum. Das war das Gute an ihr, sie konnte abwarten. Sie ließ Maria Zeit und Maria wusste, dass sie alle Zeit der Welt haben würde, denn sie würde nie wieder schlafen können.

Am nächsten Morgen ging Maria schon sehr früh aus dem Haus, um ihrer Mutter so gut wie möglich aus dem Weg zu gehen. Es funktionierte. Da war nur ein „Morgen, Mama“ und ein „Viel Spaß in der Schule, komm aber heute sofort nach hause. Wie müssen reden.“ und noch ein „Okay.“
Dann war Maria verschwunden.

Die Schule ging schnell herum, schneller als damals, als sie noch lebte. Ihre Freunde wussten nicht, was letzte Nacht geschehen war und am Tag davor.
Sie lachten viel und Maria lachte mit und sie fragte sich, was sie früher daran so lustig fand. Sie fragte sich, wie sie überhaupt für irgendetwas Gefühle aufbringen konnte.
Nach dem Unterricht ging sie zurück zum Wald. Sie schrieb eine SMS an ihre Mutter: Ich bin erst in einer Stunde da. Es ist was dazwischen gekommen.
Dann wartete sie bis ein schwacher Wind aufkam. Das war alles um die Fährte zu ihrem „Grab“ aufzunehmen. Sie musste einfach nochmal dorthin, vielleicht würde sie etwas finden, was ihr zeigte, warum das alles passierte.
Immer tiefer ging sie in den Wald, abseits aller Wege. 

Hier kommt ihr zu Teil 3. 

Sonntag, 23. Februar 2014

Geschichte #9 - Das Mädchen mit der Haut aus Asche: Teil 1

Das Licht wirkte komisch in der staubigen Stadt. Lukas verkroch sich hinter einer muffigen Mülltonne in einer dieser ekligen dunklen Sackgassen. Er hasste das, aber wenn er nicht hier warten würde, würde heute Nacht etwas schreckliches geschehen.
Minuten vergingen, aber Lukas kam es vor wie Stunden. Dann kam sie endlich vorbei.
Lukas sprang hervor und zog sie in die Gasse. Ihre menschliche Gestalt ist so schön, dachte Lukas, knallte ihren Kopf an die alte hohe Wand und richtete sein Gewehr auf sie. „Lukas, was machst du da?“, fragte seine Nachbarin ängstlich. Normalerweise hätte sie bewusstlos sein müssen, aus ihrem Kopf floss Blut, aber sie sah ihn an als wäre nichts passiert. „Lukas, leg die Waffe weg. Bitte“, flehte sie.
Lukas zielte auf ihr Herz. „Mach´s gut, du hässliches Mistvieh“, erwiderte er und schoss. Daneben.
Sie war zur Seite gesprungen und jetzt hinter ihm. Warum mussten diese Dinger auch so schnell sein?
Lukas spürte ihre knochigen Finger an seiner Kehle. „Du glaubst doch nicht im Ernst, dass du mich so einfach bekommst“, hauchte sie in sein Ohr und er erschauderte.
Der Geruch von Verwesung stieg in ihm auf. Sie musste ihre wahre Gestalt angenommen haben, so war sie noch stärker.
Schnell wirbelte Lukas herum und schoss. Blut spritzte in alle Richtungen. Die Frau, die ihm manchmal in ihre Wohnung zu einem Kaffee einlud, sank auf den Boden.

Als Maria die Augen öffnete war es dunkel. Für einen winzigen Moment dachte sie, dass sie in ihrem Bett lag. Aber sie wusste, dass sie nie nach hause gekommen war. Sie wusste, dass es spät war und dass sie eigentlich schon längst daheim sein sollte. Sie wusste, dass da dieser Mann war, der Sachen mit ihr machte und ihr in die Augen sah, als er sie mit einem Küchenmesser aufschnitt.
Aber das wichtigste war, dass sie wusste, dass sie nicht überlebt hatte. Sie wusste es schon bevor er sie in seinen Keller schleppte und sie schrie.
Aber jetzt hatte sie keine Angst. Sie fühlte gar nichts. Sie spürte, wie ihr Herz gleichmäßig pochte, aber sie atmete nicht. Sie hätte wohl ewig in diesem Loch verbringen können, aber sie musste zurück. Ihre Mutter durfte nicht wissen, dass sie tot war.
Der Mann hatte sie nicht tief vergraben. Sie stieß ihre Hände nach oben und spürte die Nachtluft um ihre Finger wehen. Langsam zog sie sich aus der Erde. Wo war sie bloß?
Sie drehte sich einmal im Kreis. Sie war im Wald, die Bäume standen dicht aneinander und das Gras ging ihr bis zu den Knien und hinterließ zarte rosa Spuren an ihrer Haut. Sie war nackt. Aber auch das war ihr egal. Alles war ihr egal.
Irgendetwas sagte ihr in welche Richtung sie musste. Und sie rannte. Sie rannte wie noch nie.
Irgendwann konnte sie die schwachen Lichter der verschlafenen Kleinstadt sehen, in der sie wohnte. Sie rannte auf ihr Haus zu, sprang an die weiße Wand und kletterte wie eine Spinne hinauf zu ihrem Zimmerfenster. Es war offen, wahrscheinlich noch von gestern Nachmittag, denn danach war sie nicht mehr in ihr Zimmer gegangen.
Wie seltsam, nicht mal das machte ihr mehr Angst... 

Hier kommt ihr zu Teil 2. 

Dienstag, 24. Dezember 2013

Geschichte #8 - Erinnerung: Teil 3

Hier kommt ihr zu Teil 2.

„Nein, woher auch? Es war alles wie immer und dann warst du weg.“
Er schüttelte mit dem Kopf.
„Was ist passiert?“
Du tratest auf die Bremse und wir blieben so abrupt stehen, dass wir nach vorne und wieder zurück in unsere Sitze geschleudert wurden.
„Du weißt, dass wir eine Grenze nie überschritten haben.“
„Ja, die des Todes.“
Stille.
„Wir haben sie auch nicht überschritten, sonst säßen wir jetzt nicht hier“, sagte ich.
„Ich hätte es aber fast getan.“
„Aber nur fast. Wir waren ständig dem Tod nahe.“
Ein freudloses Lachen überkam dich. „Ja und dann war da das Mädchen, das mich aufhalten wollte. Sie wollte mir die Spritze aus der Hand reißen und dann … Es ging alles so schnell.“
Ich versuchte mich zu erinnern, irgendwann in dieser Zeit damals von einem Todesfall gehört zu haben, von einem Mord.
„Es war die kleine Schwarzhaarige, in die ich so verliebt war. Dabei kannte ich nicht mal ihren Namen.“
„Aber es war Selbstmord“, sagte ich schnell. Denn plötzlich erinnerte ich mich. Etwas schleierhaft vielleicht, aber da war etwas. Es gab eine riesige Trauerandacht und Psychotherapeuten waren an der Schule. Und mein bester Freund verschwand und niemand merkte es.
Vielleicht konnte ich mich deshalb nicht daran erinnern. Ich war zu beschäftigt dich zu suchen.
„Ich habe sie getötet. Es war meine Schuld. Es war meine Schuld, dass sie gestorben ist und dass ich mein Versprechen nicht einhalten konnte.“
„Nein, das Mädchen hat dich nicht verstanden. Es war ihre eigene Schuld und was dein Versprechen angeht: Es ist für so was nie zu spät. Du hast gesagt, dass du mich irgendwann zum Meer bringst und du tust es jetzt. Du hältst dein Versprechen!“
„Nein, das tue ich nicht.“
„Doch, natürlich!“
„Wir haben uns verfahren. Ich weiß nicht mehr wo wir sind und erst recht nicht, wie wir nach hause kommen.“
Nach hause. Ich habe mich so lange nicht mehr zu hause gefühlt. Erst vor ein paar Stunden, als du vor meiner Tür warst. „Du hast keine Ahnung, wie wir zum Meer kommen, aber zu hause sind wir doch schon lange.“
„Was?“
„Ich erkannte damals nicht, dass mein zu hause eigentlich du bist. Du weißt nicht, wie sehr du in meinem Leben gefehlt hast und es ist mir egal, was du getan hast. Es ist mir egal, dass du gegangen bist, weil du wieder da bist. Das ist das einzige, was zählt und dafür liebe ich dich.“
Ich atmete schwer, weil ich zu schnell und ohne Luft zu holen geredet hatte, aus Angst irgendetwas in meiner Ansprache zu vergessen.
„Aber...“
„Kein Aber! Sieh doch nur, dort vorn die Wiese mit dem riesigen Tannenbaum. Lass uns dort hin gehen, Weihnachten feiern und die Vergangenheit vergessen.“


Ich wünsche euch allen frohe Weihnachten und möchte mich für die tollen Blogvorstellungen bei darkest.heart und Claudia bedanken.

Sonntag, 22. Dezember 2013

Geschichte #8 - Erinnerung: Teil 2

Hier kommt ihr zu Teil 1.

Als ich aufwachte hörte ich Musik. Du hattest dein Radio angemacht. Es war alt und hatte schlechten Empfang, sodass jedes Lied mit diesem beruhigendem Rauschen und Knacken hinterlegt war. Es lief „Can´t Find My Way Home“ von Blind Faith.
Eisiger Wind blies mir ins Gesicht und durch die Haare. Du hattest das Fenster ein Stück geöffnet.
Ich kurbelte es ganz auf und hielt meine Hand nach draußen – So lange bis sie weh tat.
Ich stöhnte kurz als ich mit den Fingern die Tür leicht berührte und der stechende Schmerz im ganzen Arm zu spüren war. Dann lachte ich.
Auch deine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln.
Du wusstest es noch, du warst genauso wie damals. Es war unser kleines Spiel – Zu sehen, wie wir uns selbst verletzten, um zu sehen, wie weit wir gehen konnten und dann die befriedigende Schadenfreude des anderen zu spüren.
Wir lebten, waren grenzenlos und dennoch waren wir immer die Stillen, die immer im Hintergrund standen und beobachteten. Wir lebten in unseren kleinen Welt und dann warst du verschwunden. So, als hätte es dich nie gegeben.
So, als würde es diesen Moment nicht geben.
„Ich habe von dir geträumt“, sagtest du. „Ich habe eine Million mal von dir geträumt. Was ist, wenn das wieder nur ein Traum ist?“
Es war, als hättest du meine Gedanken gelesen.
„Dann träume bitte weiter“, sagte ich. „Ich will wissen, wie das hier ausgeht.“
„Okay.“
„Es ist elf Uhr...“, sagte die Radio-Moderatorin. Wir waren schon fast fünf Stunden gefahren. Seltsam wie schnell die Zeit mit dir verging. Als du weg warst schien ein ganzes Leben zu vergehen, dabei waren es nur zehn Jahre. NUR zehn Jahre.
„Wo fahren wir hin?“, fragte ich wieder.
Du zögertest kurz. „Nach hause, ich habe es dir doch versprochen. Weißt du noch?“
Einen Moment lang konnte ich nichts sagen. Ich wusste nicht, welche Worte meine Gefühle in dieser Sekunde beschreiben konnten. Also antwortete ich einfach nur mit: „Ja.“ Ja, natürlich erinnerte ich mich.
Ich war sechs oder sieben Jahre alt. Ich hatte gerade meinen Wunschzettel an den Weihnachtsmann in meiner unordentlichen Kinderschrift zu Ende geschrieben. Ich wollte von meiner Mutter wissen, ob der Brief gut ist und ob sich der Weihnachtsmann darüber freuen würde.
Sie las gerade ein Mode-Magazin. „Ich lese ihn mir später durch“, murmelte sie.
„Mama, ich habe geschrieben, dass ich mir wünsche, dass wir ans Meer fahren.“
„Mh.“
„Ich möchte nach hause.“
„Mh.“
Ich wusste, dass der Weihnachtsmann den Wunsch nicht erfüllen wird. Du wusstest es auch, du standest mit deinem eigenen Zettel in der Tür und beobachtetest diese Szene.
Traurig lies ich meinen Wunsch fallen und trottete zu dir.
„Hey, hebe deinen Müll sofort wieder auf“, brüllte meine Mutter. Und da weinte ich.
Es war das erste und letzte Mal, dass du mich weinen sehen hast. Du, mein bester Freund, den ich schon seit dem Kindergarten kannte.
Du hattest mich in den Arm genommen und gesagt, dass du mich irgendwann ans Meer bringen wirst. Immer wieder hattest du das gesagt. Und du warst immer der einzige gewesen, von dem ich ans Meer gebracht werden wollte – Selbst als ich alt genug war, um alleine dort hin zu reisen.
Und zehn Jahre später, wieder kurz vor Weihnachten, verschwandest du und noch einmal zehn Jahre später kamst du zurück, um dein Versprechen zu halten.
„Warum tust du das?“, fragte ich.
„Weil ich es versprochen habe und ich all die Jahre nicht richtig leben konnte, weil ich immer an dich denken musste. Ich hatte so ein schlechtes Gewissen.“
„Warum bist du gegangen?“
Du hattest deine Finger plötzlich so fest um das Lenkrad gekrallt, dass die Knöchel weiß hervor traten und ich die Befürchtung hatte, dass sie deine Haut zerreißen würden, wenn du deinen Griff nicht lockerst.
Ich hätte gelacht, wenn es passiert wäre.
„Du weißt es nicht?“ Deine Stimme klang seltsam. Ich sah zu deinem Gesicht. Dunkle Schatten lagen unter deinen Augen.

Hier kommt ihr zu Teil 3.

Freitag, 20. Dezember 2013

Geschichte #8 - Erinnerung: Teil 1

Es war Heiligabend als ich in meiner Wohnung saß und auf die hell beleuchteten Wohnzimmer mit ihren nachtschwarzen Silhouetten im Block gegenüber starrte.
Ich dachte nicht an meine Familie, nicht an meine Freunde, meine große Liebe.
Ich dachte nicht an dich.
Da war nur diese weihnachtliche Stille, die normalerweise zu dieser Zeit nur auf den Straßen herrschte, weil alle drinnen feierten.
Erst als der schrille Klang meiner Klingel die Stille brach und ich zusammen zuckte, wendete ich mich ab. Erst dann merkte ich, dass sich meine Augen trocken anfühlten und schmerzten.
Ich blinzelte kurz, dann lief ich zur Tür. Das Licht machte ich nicht an.
Meine Wohnung war sowieso fast leer und ich wusste welche Wand sich wo befand, sodass ich hätte blind sein können und mich trotzdem ohne Hilfe und Verletzungen hier problemlos zurecht gefunden hätte.
Ich öffnete die Tür. Auch das Treppenhaus war dunkel.
Ich erkannte dich nicht sofort, erst nach einigen Sekunden. Du hast mich angesehen, doch ich konnte deinen Ausdruck nicht erkennen.
Ich habe dich auch angesehen – Ohne irgendeinen Ausdruck. Stundenlang, so fühlte sich es an.
„Du bist allein“, sagtest du. Deine Stimme war tief und kalt, aber angenehm.
Ich nickte.
„Komm mit.“
Ich zog meinen Mantel vom Türgriff. Ich hatte keinen Kleiderhagen.
Wir gingen nach draußen. Es war eine kalte, klare Nacht. Beinahe war es so, als würden mehr Sterne scheinen als sonst.
Der hohe Schnee glitzerte im Licht der beleuchteten Hausnummer und ich konnte unseren Atem sehen, der sich irgendwo über uns vermischte, aufstieg.
Du hattest dein Auto nicht auf dem Parkplatz geparkt, sondern auf der Straße stehen lassen. Der Motor lief noch.
Wir stiegen ein. Es war warm – Zumindest wärmer als in der Wohnung.
„Wohin fahren wir?“, fragte ich. Es fühlte sich seltsam an zu sprechen. Ich hatte es zu lange nicht mehr getan.
Du hattest nicht geantwortet. Ich nahm es hin und verfiel wieder in mein Schweigen, während du Richtung Autobahn fuhrst.
Du warst viel zu schnell, doch außer uns war sowieso niemand hier.
Ich sah aus dem Fenster, hoch zum Himmel, schloss für einen Moment die Augen. Nur für einen Moment.

Hier kommt ihr zu Teil 2.

Montag, 16. Dezember 2013

Geschichte #7 - Weihnachtswunder: Teil 2

Hier kommt ihr zu Teil 1.

„DU HAST DEINE TABLETTEN NICHT GENOMMEN!!!“, schreit meine Mutter am nächsten Tag durch das ganze Haus.
Oh nein, denke ich und verdrehe die Augen. Ich habe geträumt. Ich habe von dem Jungen von gestern geträumt. Ich wollte nicht. Und ich habe es trotzdem getan. Seitdem muss ich immer so doof grinsen. Und jedes mal, wenn ich mich dabei erwische, kneife ich mich, damit ich wieder weiß, dass ich nicht darf.
Gestern war ich allein. Ich habe mich noch einmal umgedreht, um zu sehen, ob er mir folgt. Aber er tat es nicht. Ich wusste nicht, ob ich darüber froh sein sollte oder niedergeschlagen. Wahrscheinlich war es besser so, aber irgendetwas in mir, wollte ihn ansehen, seine Stimme hören.
„Du musst deine Tabletten nehmen“, sagt meine Mutter ernst. „Sonst wirst du niemals wieder reden können, niemals einen Mann finden, nie glücklich werden. Du wirst ein einsames Leben führen, wenn dein Vater und ich irgendwann nicht mehr da sind.“
Na, frohe Weihnachten.

Was hat er bloß gestern dort gemacht?
Wohnt er in dem Dorf?
Hat er auf jemanden gewartet?
Ich lächle meiner Mutter zu und gebe ihr ein Zeichen, dass ich wohin muss. Ich müsste zur selben Zeit wieder dort sein, wie gestern. Vielleicht ist er heute auch wieder da.
Ich renne so schnell, dass SEINE Stimme, die mir verbietet, das zu tun, nicht hinterher kommt.
Ich spüre, dass ich strahle, dass ich glühe. Selbe Zeit, selber Ort.
Doch er ist nicht da.
Ich drehe mich zwei mal im Kreis, um auf Nummer Sicher zu gehen, aber keine Spur von ihm.
Wie dumm von mir. Wie konnte ich annehmen, dass er hier ist? An Weihnachten und kurz nachdem ich ihn offensichtlich gezeigt habe, dass ich nicht interessiert bin.
Ich sehe zu den Bergen, dann zum Dorf. Es ist nur ein kleines Dorf. Es kann doch nicht so schwer sein ihn zu finden. Also gehe ich los.
Trostlos sieht es hier aus. Die Straßen sind verlassen. Wahrscheinlich gehen die Leute hier erst mittags raus. Außer der Junge.
Ich suche, eine halbe, eine ganze Stunde lang. Es ist heute kühler. Der Himmel ist nicht mehr strahlend blau, sondern tiefgrau.
Aus irgendeinem Haus ertönt in voller Lautstärke „Jingle Bells“, hinter jedem Fenster ist schillernde Weihnachtsdeko zu erkennen.
Ich reibe meine Arme und gehe weiter und dann, in einem Vorgarten, sitzt er auf einer Stufe. Neben ihm ein Mädchen. Er sieht betrübt aus. Sie lächelt ihm aufmunternd zu.
Sie legt ihm ihre Hand auf die Schulter. Er lächelt auch. So ähnlich, wie er mich angelächelt hat.
ER hat mich auch angelächelt, wie er eine Andere angelächelt hat. ER hat sie geküsst. ER hat gesagt, dass er mich liebt und ich, dass ich ihn hasse. Dann war er weg.
Ich habe an jemand anderen gedacht. Viel später. Ich habe mich schlecht gefühlt. Doch dieser Andere ist genauso wie ER.
Und ICH werde jetzt diesen Berg besteigen, denke ich, bevor mich das Mädchen erschrocken ansieht. Ich beiße die Zähne fast zusammen, damit ich ihn nicht anschreie und ich renne.
Wie kam ich bloß darauf, dass er vielleicht etwas von mir will? Er hat gestern auf das Mädchen gewartet und als ich kam, war er einfach nur höflich zu mir.
Das Feld ist weit. Ich weiß, dass er mir folgt, aber er ist wie ER, also wird er nicht mit heraufkommen. Zu mir.
Aber eigentlich trifft ihn ja gar keine Schuld. Er hätte mich nur nicht so ansehen dürfen. Wir hätte sie nicht so anlächeln dürfen!
Die erste Hälfte des Berges ist leicht. Dann verschwindet das Gras und steile Felsen ragen vor mir auf. Trotzdem versuche ich zu klettern. Ich finde schon einen Weg. Und wenn ich abstürze, dann macht das auch nichts. Den schlimmsten Sturz habe ich schon hinter mir.
Ich drehe mich nicht um. Hier oben bin ich sicher. Fast bin ich da.
Doch dann taucht er neben mir auf.
„Du rennst viel zu viel. Du läufst davon, aber du musst dich der Wahrheit stellen.“
Und die wäre? Dass du eine Andere liebst?
Dass du mit mir hier hoch gekommen bist?
Und plötzlich befinde ich mich in der Sonne wieder. Ich habe es geschafft! Ich bin dort, wo ich sein wollte, wo die Sonne hinkommt, wenn sie durch die Wolken bricht. Ich sehe das, was ich sehen wollte: Ewige Felder, die Allee, die Stadt, das Dorf.
Für IHN wäre das zu einfach gewesen, zu eintönig, aber er sagt: „Wow.“
Ich sehe ihn an, er ist nicht wie ER. Er ist anders, besser.
„Das Mädchen vorhin war meine Cousine.“
Das ist erlaubt?
„Wir sind kein Paar“, sagt er und ich merke, dass ich wieder grinsen muss.
Dann spüre ich seine festen Lippen auf meinen. Dann ist da nur noch der Junge, nicht ER.
Ich weiß nicht, wie lange der Kuss andauert, aber es kommt mir vor wie eine Ewigkeit und trotzdem ist er viel zu schnell zu Ende.
„Wollen wir hier bleiben?“, fragt er.
Wenn ich tatsächlich von meinen Eltern heute Abend ein Geschenk bekommen würde, so ist mir das egal. Das Schönste sitzt gerade neben mir.
Ich nehme alles zusammen, was ich in mir habe. Versuche den schönsten Ton zu treffen und sage so leise wie möglich: „Ja“.
Und wie ein Wunder segeln kleine weiße Flocken auf uns herab.