Die Geschichte des Weihnachtswichtels, der auf der Suche nach dem Weihnachtszauber ist...
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Mittwoch, 16. Dezember 2015
Dienstag, 24. Dezember 2013
Geschichte #8 - Erinnerung: Teil 3
Hier kommt ihr zu Teil 2.
„Nein,
woher auch? Es war alles wie immer und dann warst du weg.“
Er
schüttelte mit dem Kopf.
„Was
ist passiert?“
Du
tratest auf die Bremse und wir blieben so abrupt stehen, dass wir
nach vorne und wieder zurück in unsere Sitze geschleudert wurden.
„Du
weißt, dass wir eine Grenze nie überschritten haben.“
„Ja,
die des Todes.“
Stille.
„Wir
haben sie auch nicht überschritten, sonst säßen wir jetzt nicht
hier“, sagte ich.
„Ich
hätte es aber fast getan.“
„Aber
nur fast. Wir waren ständig dem Tod nahe.“
Ein
freudloses Lachen überkam dich. „Ja und dann war da das Mädchen,
das mich aufhalten wollte. Sie wollte mir die Spritze aus der Hand
reißen und dann … Es ging alles so schnell.“
Ich
versuchte mich zu erinnern, irgendwann in dieser Zeit damals von
einem Todesfall gehört zu haben, von einem Mord.
„Es
war die kleine Schwarzhaarige, in die ich so verliebt war. Dabei
kannte ich nicht mal ihren Namen.“
„Aber
es war Selbstmord“, sagte ich schnell. Denn plötzlich erinnerte
ich mich. Etwas schleierhaft vielleicht, aber da war etwas. Es gab
eine riesige Trauerandacht und Psychotherapeuten waren an der Schule.
Und mein bester Freund verschwand und niemand merkte es.
Vielleicht
konnte ich mich deshalb nicht daran erinnern. Ich war zu beschäftigt
dich zu suchen.
„Ich
habe sie getötet. Es war meine Schuld. Es war meine Schuld, dass sie
gestorben ist und dass ich mein Versprechen nicht einhalten konnte.“
„Nein,
das Mädchen hat dich nicht verstanden. Es war ihre eigene Schuld und
was dein Versprechen angeht: Es ist für so was nie zu spät. Du hast
gesagt, dass du mich irgendwann zum Meer bringst und du tust es
jetzt. Du hältst dein Versprechen!“
„Nein,
das tue ich nicht.“
„Doch,
natürlich!“
„Wir
haben uns verfahren. Ich weiß nicht mehr wo wir sind und erst recht
nicht, wie wir nach hause kommen.“
Nach
hause. Ich habe mich so lange nicht mehr zu hause gefühlt. Erst vor
ein paar Stunden, als du vor meiner Tür warst. „Du hast keine
Ahnung, wie wir zum Meer kommen, aber zu hause sind wir doch schon
lange.“
„Was?“
„Ich
erkannte damals nicht, dass mein zu hause eigentlich du bist. Du
weißt nicht, wie sehr du in meinem Leben gefehlt hast und es ist mir
egal, was du getan hast. Es ist mir egal, dass du gegangen bist, weil
du wieder da bist. Das ist das einzige, was zählt und dafür liebe
ich dich.“
Ich
atmete schwer, weil ich zu schnell und ohne Luft zu holen geredet
hatte, aus Angst irgendetwas in meiner Ansprache zu vergessen.
„Aber...“
„Kein
Aber! Sieh doch nur, dort vorn die Wiese mit dem riesigen Tannenbaum.
Lass uns dort hin gehen, Weihnachten feiern und die Vergangenheit
vergessen.“
Ich wünsche euch allen frohe Weihnachten und möchte mich für die tollen Blogvorstellungen bei darkest.heart und Claudia bedanken.
Sonntag, 22. Dezember 2013
Geschichte #8 - Erinnerung: Teil 2
Hier kommt ihr zu Teil 1.
Als
ich aufwachte hörte ich Musik. Du hattest dein Radio angemacht. Es
war alt und hatte schlechten Empfang, sodass jedes Lied mit diesem
beruhigendem Rauschen und Knacken hinterlegt war. Es lief „Can´t
Find My Way Home“ von Blind Faith.
Eisiger
Wind blies mir ins Gesicht und durch die Haare. Du hattest das
Fenster ein Stück geöffnet.
Ich
kurbelte es ganz auf und hielt meine Hand nach draußen – So lange
bis sie weh tat.
Ich
stöhnte kurz als ich mit den Fingern die Tür leicht berührte und
der stechende Schmerz im ganzen Arm zu spüren war. Dann lachte ich.
Auch
deine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln.
Du
wusstest es noch, du warst genauso wie damals. Es war unser kleines
Spiel – Zu sehen, wie wir uns selbst verletzten, um zu sehen, wie
weit wir gehen konnten und dann die befriedigende Schadenfreude des
anderen zu spüren.
Wir
lebten, waren grenzenlos und dennoch waren wir immer die Stillen, die
immer im Hintergrund standen und beobachteten. Wir lebten in unseren
kleinen Welt und dann warst du verschwunden. So, als hätte es dich
nie gegeben.
So,
als würde es diesen Moment nicht geben.
„Ich
habe von dir geträumt“, sagtest du. „Ich habe eine Million mal
von dir geträumt. Was ist, wenn das wieder nur ein Traum ist?“
Es
war, als hättest du meine Gedanken gelesen.
„Dann
träume bitte weiter“, sagte ich. „Ich will wissen, wie das hier
ausgeht.“
„Okay.“
„Es
ist elf Uhr...“, sagte die Radio-Moderatorin. Wir waren schon fast
fünf Stunden gefahren. Seltsam wie schnell die Zeit mit dir verging.
Als du weg warst schien ein ganzes Leben zu vergehen, dabei waren es
nur zehn Jahre. NUR zehn Jahre.
„Wo
fahren wir hin?“, fragte ich wieder.
Du
zögertest kurz. „Nach hause, ich habe es dir doch versprochen.
Weißt du noch?“
Einen
Moment lang konnte ich nichts sagen. Ich wusste nicht, welche Worte
meine Gefühle in dieser Sekunde beschreiben konnten. Also antwortete
ich einfach nur mit: „Ja.“ Ja, natürlich erinnerte ich mich.
Ich
war sechs oder sieben Jahre alt. Ich hatte gerade meinen Wunschzettel
an den Weihnachtsmann in meiner unordentlichen Kinderschrift zu Ende
geschrieben. Ich wollte von meiner Mutter wissen, ob der Brief gut
ist und ob sich der Weihnachtsmann darüber freuen würde.
Sie
las gerade ein Mode-Magazin. „Ich lese ihn mir später durch“,
murmelte sie.
„Mama,
ich habe geschrieben, dass ich mir wünsche, dass wir ans Meer
fahren.“
„Mh.“
„Ich
möchte nach hause.“
„Mh.“
Ich
wusste, dass der Weihnachtsmann den Wunsch nicht erfüllen wird. Du
wusstest es auch, du standest mit deinem eigenen Zettel in der Tür
und beobachtetest diese Szene.
Traurig
lies ich meinen Wunsch fallen und trottete zu dir.
„Hey,
hebe deinen Müll sofort wieder auf“, brüllte meine Mutter. Und da
weinte ich.
Es war
das erste und letzte Mal, dass du mich weinen sehen hast. Du, mein
bester Freund, den ich schon seit dem Kindergarten kannte.
Du
hattest mich in den Arm genommen und gesagt, dass du mich irgendwann
ans Meer bringen wirst. Immer wieder hattest du das gesagt. Und du
warst immer der einzige gewesen, von dem ich ans Meer gebracht werden
wollte – Selbst als ich alt genug war, um alleine dort hin zu
reisen.
Und
zehn Jahre später, wieder kurz vor Weihnachten, verschwandest du und
noch einmal zehn Jahre später kamst du zurück, um dein Versprechen
zu halten.
„Warum
tust du das?“, fragte ich.
„Weil
ich es versprochen habe und ich all die Jahre nicht richtig leben
konnte, weil ich immer an dich denken musste. Ich hatte so ein
schlechtes Gewissen.“
„Warum
bist du gegangen?“
Du
hattest deine Finger plötzlich so fest um das Lenkrad gekrallt, dass
die Knöchel weiß hervor traten und ich die Befürchtung hatte, dass
sie deine Haut zerreißen würden, wenn du deinen Griff nicht
lockerst.
Ich
hätte gelacht, wenn es passiert wäre.
„Du
weißt es nicht?“ Deine Stimme klang seltsam. Ich sah zu deinem
Gesicht. Dunkle Schatten lagen unter deinen Augen.
Hier kommt ihr zu Teil 3.
Hier kommt ihr zu Teil 3.
Freitag, 20. Dezember 2013
Geschichte #8 - Erinnerung: Teil 1
Es war
Heiligabend als ich in meiner Wohnung saß und auf die hell
beleuchteten Wohnzimmer mit ihren nachtschwarzen Silhouetten im Block
gegenüber starrte.
Ich
dachte nicht an meine Familie, nicht an meine Freunde, meine große
Liebe.
Ich
dachte nicht an dich.
Da war
nur diese weihnachtliche Stille, die normalerweise zu dieser Zeit nur
auf den Straßen herrschte, weil alle drinnen feierten.
Erst
als der schrille Klang meiner Klingel die Stille brach und ich
zusammen zuckte, wendete ich mich ab. Erst dann merkte ich, dass sich
meine Augen trocken anfühlten und schmerzten.
Ich
blinzelte kurz, dann lief ich zur Tür. Das Licht machte ich nicht
an.
Meine
Wohnung war sowieso fast leer und ich wusste welche Wand sich wo
befand, sodass ich hätte blind sein können und mich trotzdem ohne
Hilfe und Verletzungen hier problemlos zurecht gefunden hätte.
Ich
öffnete die Tür. Auch das Treppenhaus war dunkel.
Ich
erkannte dich nicht sofort, erst nach einigen Sekunden. Du hast mich
angesehen, doch ich konnte deinen Ausdruck nicht erkennen.
Ich
habe dich auch angesehen – Ohne irgendeinen Ausdruck. Stundenlang,
so fühlte sich es an.
„Du
bist allein“, sagtest du. Deine Stimme war tief und kalt, aber
angenehm.
Ich
nickte.
„Komm
mit.“
Ich
zog meinen Mantel vom Türgriff. Ich hatte keinen Kleiderhagen.
Wir
gingen nach draußen. Es war eine kalte, klare Nacht. Beinahe war es
so, als würden mehr Sterne scheinen als sonst.
Der
hohe Schnee glitzerte im Licht der beleuchteten Hausnummer und ich
konnte unseren Atem sehen, der sich irgendwo über uns vermischte,
aufstieg.
Du
hattest dein Auto nicht auf dem Parkplatz geparkt, sondern auf der
Straße stehen lassen. Der Motor lief noch.
Wir
stiegen ein. Es war warm – Zumindest wärmer als in der Wohnung.
„Wohin
fahren wir?“, fragte ich. Es fühlte sich seltsam an zu sprechen.
Ich hatte es zu lange nicht mehr getan.
Du
hattest nicht geantwortet. Ich nahm es hin und verfiel wieder in mein
Schweigen, während du Richtung Autobahn fuhrst.
Du
warst viel zu schnell, doch außer uns war sowieso niemand hier.
Ich
sah aus dem Fenster, hoch zum Himmel, schloss für einen Moment die
Augen. Nur für einen Moment.
Hier kommt ihr zu Teil 2.
Hier kommt ihr zu Teil 2.
Montag, 16. Dezember 2013
Geschichte #7 - Weihnachtswunder: Teil 2
Hier kommt ihr zu Teil 1.
„DU HAST DEINE
TABLETTEN NICHT GENOMMEN!!!“, schreit meine Mutter am nächsten Tag
durch das ganze Haus.
Oh nein, denke ich und
verdrehe die Augen. Ich habe geträumt. Ich habe von dem Jungen von
gestern geträumt. Ich wollte nicht. Und ich habe es trotzdem getan.
Seitdem muss ich immer so doof grinsen. Und jedes mal, wenn ich mich
dabei erwische, kneife ich mich, damit ich wieder weiß, dass ich
nicht darf.
Gestern war ich allein.
Ich habe mich noch einmal umgedreht, um zu sehen, ob er mir folgt.
Aber er tat es nicht. Ich wusste nicht, ob ich darüber froh sein
sollte oder niedergeschlagen. Wahrscheinlich war es besser so, aber
irgendetwas in mir, wollte ihn ansehen, seine Stimme hören.
„Du musst deine
Tabletten nehmen“, sagt meine Mutter ernst. „Sonst wirst du
niemals wieder reden können, niemals einen Mann finden, nie
glücklich werden. Du wirst ein einsames Leben führen, wenn dein
Vater und ich irgendwann nicht mehr da sind.“
Na, frohe Weihnachten.
Was hat er bloß gestern
dort gemacht?
Wohnt er in dem Dorf?
Hat er auf jemanden
gewartet?
Ich lächle meiner
Mutter zu und gebe ihr ein Zeichen, dass ich wohin muss. Ich müsste
zur selben Zeit wieder dort sein, wie gestern. Vielleicht ist er
heute auch wieder da.
Ich renne so schnell,
dass SEINE Stimme, die mir verbietet, das zu tun, nicht hinterher
kommt.
Ich spüre, dass ich
strahle, dass ich glühe. Selbe Zeit, selber Ort.
Doch er ist nicht da.
Ich drehe mich zwei mal
im Kreis, um auf Nummer Sicher zu gehen, aber keine Spur von ihm.
Wie dumm von mir. Wie
konnte ich annehmen, dass er hier ist? An Weihnachten und kurz
nachdem ich ihn offensichtlich gezeigt habe, dass ich nicht
interessiert bin.
Ich sehe zu den Bergen,
dann zum Dorf. Es ist nur ein kleines Dorf. Es kann doch nicht so
schwer sein ihn zu finden. Also gehe ich los.
Trostlos sieht es hier
aus. Die Straßen sind verlassen. Wahrscheinlich gehen die Leute hier
erst mittags raus. Außer der Junge.
Ich suche, eine halbe,
eine ganze Stunde lang. Es ist heute kühler. Der Himmel ist nicht
mehr strahlend blau, sondern tiefgrau.
Aus irgendeinem Haus
ertönt in voller Lautstärke „Jingle Bells“, hinter jedem
Fenster ist schillernde Weihnachtsdeko zu erkennen.
Ich reibe meine Arme und
gehe weiter und dann, in einem Vorgarten, sitzt er auf einer Stufe.
Neben ihm ein Mädchen. Er sieht betrübt aus. Sie lächelt ihm
aufmunternd zu.
Sie legt ihm ihre Hand
auf die Schulter. Er lächelt auch. So ähnlich, wie er mich
angelächelt hat.
ER hat mich auch
angelächelt, wie er eine Andere angelächelt hat. ER hat sie
geküsst. ER hat gesagt, dass er mich liebt und ich, dass ich ihn
hasse. Dann war er weg.
Ich habe an jemand
anderen gedacht. Viel später. Ich habe mich schlecht gefühlt. Doch
dieser Andere ist genauso wie ER.
Und ICH werde jetzt
diesen Berg besteigen, denke ich, bevor mich das Mädchen erschrocken
ansieht. Ich beiße die Zähne fast zusammen, damit ich ihn nicht
anschreie und ich renne.
Wie kam ich bloß
darauf, dass er vielleicht etwas von mir will? Er hat gestern auf das
Mädchen gewartet und als ich kam, war er einfach nur höflich zu
mir.
Das Feld ist weit. Ich
weiß, dass er mir folgt, aber er ist wie ER, also wird er nicht mit
heraufkommen. Zu mir.
Aber eigentlich trifft
ihn ja gar keine Schuld. Er hätte mich nur nicht so ansehen dürfen.
Wir hätte sie nicht so anlächeln dürfen!
Die erste Hälfte des
Berges ist leicht. Dann verschwindet das Gras und steile Felsen ragen
vor mir auf. Trotzdem versuche ich zu klettern. Ich finde schon einen
Weg. Und wenn ich abstürze, dann macht das auch nichts. Den
schlimmsten Sturz habe ich schon hinter mir.
Ich drehe mich nicht um.
Hier oben bin ich sicher. Fast bin ich da.
Doch dann taucht er
neben mir auf.
„Du rennst viel zu
viel. Du läufst davon, aber du musst dich der Wahrheit stellen.“
Und die wäre? Dass du
eine Andere liebst?
Dass du mit mir hier
hoch gekommen bist?
Und plötzlich befinde
ich mich in der Sonne wieder. Ich habe es geschafft! Ich bin dort, wo
ich sein wollte, wo die Sonne hinkommt, wenn sie durch die Wolken
bricht. Ich sehe das, was ich sehen wollte: Ewige Felder, die Allee,
die Stadt, das Dorf.
Für IHN wäre das zu
einfach gewesen, zu eintönig, aber er sagt: „Wow.“
Ich sehe ihn an, er ist
nicht wie ER. Er ist anders, besser.
„Das Mädchen vorhin
war meine Cousine.“
Das ist erlaubt?
„Wir sind kein Paar“,
sagt er und ich merke, dass ich wieder grinsen muss.
Dann spüre ich seine
festen Lippen auf meinen. Dann ist da nur noch der Junge, nicht ER.
Ich weiß nicht, wie
lange der Kuss andauert, aber es kommt mir vor wie eine Ewigkeit und
trotzdem ist er viel zu schnell zu Ende.
„Wollen wir hier
bleiben?“, fragt er.
Wenn ich tatsächlich
von meinen Eltern heute Abend ein Geschenk bekommen würde, so ist
mir das egal. Das Schönste sitzt gerade neben mir.
Ich nehme alles
zusammen, was ich in mir habe. Versuche den schönsten Ton zu treffen
und sage so leise wie möglich: „Ja“.
Und wie ein Wunder
segeln kleine weiße Flocken auf uns herab.
Samstag, 14. Dezember 2013
Geschichte #7 - Weihnachtswunder: Teil 1
Es gibt viel zu viele
Wörter auf der Welt. Viel zu viele unwichtige, falsche Wörter. Ich
habe die Falschen verwendet. Ich habe sie verwendet und als ich sie
rückgängig machen wollte, war es zu spät. Wir hatten einen Streit,
einen Kleinen, wenn man bedenkt, wie groß die Probleme der
Menschheit sind. Er war abgelenkt. Das Auto kam auf dem Eis ins
Rutschen. Ich überlebte. Er nicht.
„Ich hasse dich.“
Das habe ich gesagt.
Seitdem sage ich nichts
mehr. Die Ärzte können nichts tun. Sie haben alles versucht, aber
der Schaden ist dauerhaft. Meine Eltern haben es nicht verkraftet und
sehen mich seitdem immer so komisch an. Tut mir Leid, dass sie ein
behindertes Kind haben. Schon ein Jahr lang.
Diese Weihnachten liegt
kein Schnee. Morgen wird kein Schnee liegen. Es gibt kein Eis. Es ist
wie im Frühling. Die Sonne scheint, an den Bäumen blühen die
ersten Blüten. Ich lasse den frischen Wind auf meine nackten Arme
und durch meine schwarzen Haare wehen. Ich renne. Das mache ich
manchmal. Ich renne so weit und so schnell ich kann. Ich renne davon.
Ich will vergessen.
Die Sonne steht noch
tief. Es ist eine Allee, eine Verbindung zwischen meiner Stadt und
einem Dorf. Drei Kilometer lang. Ich renne bis ich dort bin und
schmeiße mich auf eine kleine morsche Bank. Ich sehe über das Feld
zu den kleinen Bergen. Ich wollte dort hoch klettern. ER meinte, ich
wäre verrückt. ER wollte nie mit mir dort hoch.
„Geht es dir gut?“,
höre ich eine Stimme neben mir und ich schleudere herum. „Du
weinst ja.“
Ich lächele dem Jungen
zu und wische mir die Tränen weg. Dann wende ich mich wieder den
Bergen zu. Wie es wohl da oben ist? Warum bin ich nicht längst
alleine dort hoch? Aber sonst entferne ich mich von IHM.
„Bist du schüchtern?“
Ich schüttele meinen
Kopf. Soll er doch denken, dass ich eingebildet bin. Ich will nie
wieder einen Jungen zu nah an mich heranlassen. Aber trotzdem stellt
sich mir die unerbittliche Frage: Wer ist er? Wer hat so eine warme
schöne Stimme?
Ich sehe ihn mir nicht
genau an, aus Angst, er könnte gut aussehen. Aus Angst, dass er
etwas in mir auslöst. ER wird der einzige in meinem Leben bleiben.
„Kannst du nicht
reden?“
Nicken.
Wer zum Teufel bist du?
Warum hast du das so schnell erraten?
„Weißt du, manchmal
rede ich viel zu viel. Da wünschte ich mir, ich könnte auch nicht
reden.“
Ha, so ging es mir auch
mal.
Dann sehe ich ihn an.
Grüne Augen.
Dunkelbraunes Haar. Schlanke Figur. Die berührendste Wärme, die ich
je gespürt habe. Er ist etwas jünger als ER, aber ER war drei Jahr
älter als ich.
„Du hast ja blaue
Augen“, sagt er und strahlt mich an. Dann sagt er nichts mehr.
Und ich sage nichts
mehr.
Und plötzlich scheint
es so, als würde ich alles über ihn wissen, als würde ich ihn
schon ewig kennen. Als wäre er mein bester Freund, mein Beschützer
und der Eine, der dieses Gefühl in mir auslöst.
Das verbotene Gefühl.
Ich stehe auf und renne. Nein, das kann nicht sein. Nicht er, nicht
ich. Nicht wir.
Ich höre seine Schritte
hinter mir, spüre seine Hand auf meiner Schulter und das folgende
Kribbeln in meinem ganzen Körper.
„Ich … Ich will dich
nicht nerven, aber …“
Nein, rede weiter. Nicht
aufhören, flüstert eine Stimme in mir, aber eine andere schreit:
Renn!
„Ich wollte dir noch
sagen, dass ich glaube, dass du reden kannst, wenn du nur willst.“
Nein, er irrt sich. ER
hat sich nie geirrt.
Und jetzt renne ich. Ich
renne richtig, sodass er keine Chance hat mich einzuholen. Nie wieder
so ein Gefühl, wie bei IHM. Das habe ich mir geschworen.
Hier kommt ihr zu Teil 2.
Hier kommt ihr zu Teil 2.
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