Sonntag, 22. Dezember 2013

Geschichte #8 - Erinnerung: Teil 2

Hier kommt ihr zu Teil 1.

Als ich aufwachte hörte ich Musik. Du hattest dein Radio angemacht. Es war alt und hatte schlechten Empfang, sodass jedes Lied mit diesem beruhigendem Rauschen und Knacken hinterlegt war. Es lief „Can´t Find My Way Home“ von Blind Faith.
Eisiger Wind blies mir ins Gesicht und durch die Haare. Du hattest das Fenster ein Stück geöffnet.
Ich kurbelte es ganz auf und hielt meine Hand nach draußen – So lange bis sie weh tat.
Ich stöhnte kurz als ich mit den Fingern die Tür leicht berührte und der stechende Schmerz im ganzen Arm zu spüren war. Dann lachte ich.
Auch deine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln.
Du wusstest es noch, du warst genauso wie damals. Es war unser kleines Spiel – Zu sehen, wie wir uns selbst verletzten, um zu sehen, wie weit wir gehen konnten und dann die befriedigende Schadenfreude des anderen zu spüren.
Wir lebten, waren grenzenlos und dennoch waren wir immer die Stillen, die immer im Hintergrund standen und beobachteten. Wir lebten in unseren kleinen Welt und dann warst du verschwunden. So, als hätte es dich nie gegeben.
So, als würde es diesen Moment nicht geben.
„Ich habe von dir geträumt“, sagtest du. „Ich habe eine Million mal von dir geträumt. Was ist, wenn das wieder nur ein Traum ist?“
Es war, als hättest du meine Gedanken gelesen.
„Dann träume bitte weiter“, sagte ich. „Ich will wissen, wie das hier ausgeht.“
„Okay.“
„Es ist elf Uhr...“, sagte die Radio-Moderatorin. Wir waren schon fast fünf Stunden gefahren. Seltsam wie schnell die Zeit mit dir verging. Als du weg warst schien ein ganzes Leben zu vergehen, dabei waren es nur zehn Jahre. NUR zehn Jahre.
„Wo fahren wir hin?“, fragte ich wieder.
Du zögertest kurz. „Nach hause, ich habe es dir doch versprochen. Weißt du noch?“
Einen Moment lang konnte ich nichts sagen. Ich wusste nicht, welche Worte meine Gefühle in dieser Sekunde beschreiben konnten. Also antwortete ich einfach nur mit: „Ja.“ Ja, natürlich erinnerte ich mich.
Ich war sechs oder sieben Jahre alt. Ich hatte gerade meinen Wunschzettel an den Weihnachtsmann in meiner unordentlichen Kinderschrift zu Ende geschrieben. Ich wollte von meiner Mutter wissen, ob der Brief gut ist und ob sich der Weihnachtsmann darüber freuen würde.
Sie las gerade ein Mode-Magazin. „Ich lese ihn mir später durch“, murmelte sie.
„Mama, ich habe geschrieben, dass ich mir wünsche, dass wir ans Meer fahren.“
„Mh.“
„Ich möchte nach hause.“
„Mh.“
Ich wusste, dass der Weihnachtsmann den Wunsch nicht erfüllen wird. Du wusstest es auch, du standest mit deinem eigenen Zettel in der Tür und beobachtetest diese Szene.
Traurig lies ich meinen Wunsch fallen und trottete zu dir.
„Hey, hebe deinen Müll sofort wieder auf“, brüllte meine Mutter. Und da weinte ich.
Es war das erste und letzte Mal, dass du mich weinen sehen hast. Du, mein bester Freund, den ich schon seit dem Kindergarten kannte.
Du hattest mich in den Arm genommen und gesagt, dass du mich irgendwann ans Meer bringen wirst. Immer wieder hattest du das gesagt. Und du warst immer der einzige gewesen, von dem ich ans Meer gebracht werden wollte – Selbst als ich alt genug war, um alleine dort hin zu reisen.
Und zehn Jahre später, wieder kurz vor Weihnachten, verschwandest du und noch einmal zehn Jahre später kamst du zurück, um dein Versprechen zu halten.
„Warum tust du das?“, fragte ich.
„Weil ich es versprochen habe und ich all die Jahre nicht richtig leben konnte, weil ich immer an dich denken musste. Ich hatte so ein schlechtes Gewissen.“
„Warum bist du gegangen?“
Du hattest deine Finger plötzlich so fest um das Lenkrad gekrallt, dass die Knöchel weiß hervor traten und ich die Befürchtung hatte, dass sie deine Haut zerreißen würden, wenn du deinen Griff nicht lockerst.
Ich hätte gelacht, wenn es passiert wäre.
„Du weißt es nicht?“ Deine Stimme klang seltsam. Ich sah zu deinem Gesicht. Dunkle Schatten lagen unter deinen Augen.

Hier kommt ihr zu Teil 3.

Kommentare:

  1. So schön!
    Du machst genau an der richtigen Stelle Pausen - quälende Pausen, die mich aufregen, weil ich weiter lesen will!!!

    Liebe Grüße > darkest.heart

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    1. Noch mal Danke =D
      An Weihnachten kommt das "Finale" =D

      Liebe Grüße
      Luisa

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  2. Die Geschichte ist richtig toll und ich will endlich weiterlesen :( :)
    Liebe Grüße
    Ellen

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