Montag, 10. Juni 2013

Geschichte #3 - Spiegel

Als ich in den Spiegel sah, blickte mir ein kleines Mädchen entgegen. Sie konnte beinahe hübsch sein. Da waren zum Beispiel ihre frisch gewaschenen Haare, die sanft ihre nackten Schultern umspielten. Ihre Haare mit dem Pony, dass wirr ihre Stirn bedeckte, beinahe auch ihre großen Augen. Große rote Augen von den vielen geplatzten Äderchen. Und ihre Haut wirkte ausgetrocknet, rissig, überall waren rote Flecken.
Ihre Lippen waren dunkel, weil sie zu oft auf ihnen herum kaute, zu oft nachdachte.
Und jeden Tag sah ich in den Spiegel und versuchte das Mädchen zu beschreiben, zu verstehen. Denn sie veränderte sich, Tag für Tag, und blieb trotzdem immer gleich.
„Das bist du“, wisperte das Mädchen. Sie sagte es immer, aber warum sollte ich ihr glauben? Warum sollte ich einem Mädchen im Glas vertrauen? Und immer wieder wisperte ich zurück: „Lügnerin.“ Denn das beschrieb sie doch am besten, wenn sie mir sagte, dass das Leben keinen Sinn mehr hatte, dass ich eine Versagerin war, dass sich das Leben für mich nicht mehr lohnte, meine Zukunft sowieso schon fest stehe und ich sie auch deshalb nicht mehr erleben müsse.
Und dass das alles ich war, meine Schuld.
Und irgendwann kam dann immer dieser Moment, an dem ich aufhörte mich zu wehren und ich mich zu fragen begann, was die Welt aus mir gemacht hatte, was ich aus mir gemacht hatte...

Meine Eltern standen vor dem Badezimmer und fragten, wann ich endlich fertig sei.
Ich zog mich an, ging hinaus und vergaß das Mädchen. Nur, damit ich morgen das gleiche wieder erleben konnte.

Kommentare:

  1. Wow, das ist toll, macht einen nachdenklich und auch irgendwie traurig. Wundervoll!
    Liebe Grüße
    Ellen
    http://schillernde-libellen.blogspot.de/

    AntwortenLöschen
  2. Erinnert mich der Beschreibung nach stark an eine Borderline Störung. Intensiv geschrieben, man kann es gut nachfühlen.

    AntwortenLöschen
  3. Du kannst richtig gut schreiben - man kann alles nachempfinden. Mach auf jeden Fall weiter so. :)

    AntwortenLöschen
  4. Danke, es freut mich, dass es auch gefällt. =D

    @Angi
    Du hast recht, habe mich vorher über verschiedene psychische Störungen schlau gemacht und bin auch da drauf gestoßen =)

    AntwortenLöschen
  5. Eine ähnliche Geschichte kenne ich bereits. Ich mag solche Texte ^.^

    AntwortenLöschen