Montag, 16. Dezember 2013

Geschichte #7 - Weihnachtswunder: Teil 2

Hier kommt ihr zu Teil 1.

„DU HAST DEINE TABLETTEN NICHT GENOMMEN!!!“, schreit meine Mutter am nächsten Tag durch das ganze Haus.
Oh nein, denke ich und verdrehe die Augen. Ich habe geträumt. Ich habe von dem Jungen von gestern geträumt. Ich wollte nicht. Und ich habe es trotzdem getan. Seitdem muss ich immer so doof grinsen. Und jedes mal, wenn ich mich dabei erwische, kneife ich mich, damit ich wieder weiß, dass ich nicht darf.
Gestern war ich allein. Ich habe mich noch einmal umgedreht, um zu sehen, ob er mir folgt. Aber er tat es nicht. Ich wusste nicht, ob ich darüber froh sein sollte oder niedergeschlagen. Wahrscheinlich war es besser so, aber irgendetwas in mir, wollte ihn ansehen, seine Stimme hören.
„Du musst deine Tabletten nehmen“, sagt meine Mutter ernst. „Sonst wirst du niemals wieder reden können, niemals einen Mann finden, nie glücklich werden. Du wirst ein einsames Leben führen, wenn dein Vater und ich irgendwann nicht mehr da sind.“
Na, frohe Weihnachten.

Was hat er bloß gestern dort gemacht?
Wohnt er in dem Dorf?
Hat er auf jemanden gewartet?
Ich lächle meiner Mutter zu und gebe ihr ein Zeichen, dass ich wohin muss. Ich müsste zur selben Zeit wieder dort sein, wie gestern. Vielleicht ist er heute auch wieder da.
Ich renne so schnell, dass SEINE Stimme, die mir verbietet, das zu tun, nicht hinterher kommt.
Ich spüre, dass ich strahle, dass ich glühe. Selbe Zeit, selber Ort.
Doch er ist nicht da.
Ich drehe mich zwei mal im Kreis, um auf Nummer Sicher zu gehen, aber keine Spur von ihm.
Wie dumm von mir. Wie konnte ich annehmen, dass er hier ist? An Weihnachten und kurz nachdem ich ihn offensichtlich gezeigt habe, dass ich nicht interessiert bin.
Ich sehe zu den Bergen, dann zum Dorf. Es ist nur ein kleines Dorf. Es kann doch nicht so schwer sein ihn zu finden. Also gehe ich los.
Trostlos sieht es hier aus. Die Straßen sind verlassen. Wahrscheinlich gehen die Leute hier erst mittags raus. Außer der Junge.
Ich suche, eine halbe, eine ganze Stunde lang. Es ist heute kühler. Der Himmel ist nicht mehr strahlend blau, sondern tiefgrau.
Aus irgendeinem Haus ertönt in voller Lautstärke „Jingle Bells“, hinter jedem Fenster ist schillernde Weihnachtsdeko zu erkennen.
Ich reibe meine Arme und gehe weiter und dann, in einem Vorgarten, sitzt er auf einer Stufe. Neben ihm ein Mädchen. Er sieht betrübt aus. Sie lächelt ihm aufmunternd zu.
Sie legt ihm ihre Hand auf die Schulter. Er lächelt auch. So ähnlich, wie er mich angelächelt hat.
ER hat mich auch angelächelt, wie er eine Andere angelächelt hat. ER hat sie geküsst. ER hat gesagt, dass er mich liebt und ich, dass ich ihn hasse. Dann war er weg.
Ich habe an jemand anderen gedacht. Viel später. Ich habe mich schlecht gefühlt. Doch dieser Andere ist genauso wie ER.
Und ICH werde jetzt diesen Berg besteigen, denke ich, bevor mich das Mädchen erschrocken ansieht. Ich beiße die Zähne fast zusammen, damit ich ihn nicht anschreie und ich renne.
Wie kam ich bloß darauf, dass er vielleicht etwas von mir will? Er hat gestern auf das Mädchen gewartet und als ich kam, war er einfach nur höflich zu mir.
Das Feld ist weit. Ich weiß, dass er mir folgt, aber er ist wie ER, also wird er nicht mit heraufkommen. Zu mir.
Aber eigentlich trifft ihn ja gar keine Schuld. Er hätte mich nur nicht so ansehen dürfen. Wir hätte sie nicht so anlächeln dürfen!
Die erste Hälfte des Berges ist leicht. Dann verschwindet das Gras und steile Felsen ragen vor mir auf. Trotzdem versuche ich zu klettern. Ich finde schon einen Weg. Und wenn ich abstürze, dann macht das auch nichts. Den schlimmsten Sturz habe ich schon hinter mir.
Ich drehe mich nicht um. Hier oben bin ich sicher. Fast bin ich da.
Doch dann taucht er neben mir auf.
„Du rennst viel zu viel. Du läufst davon, aber du musst dich der Wahrheit stellen.“
Und die wäre? Dass du eine Andere liebst?
Dass du mit mir hier hoch gekommen bist?
Und plötzlich befinde ich mich in der Sonne wieder. Ich habe es geschafft! Ich bin dort, wo ich sein wollte, wo die Sonne hinkommt, wenn sie durch die Wolken bricht. Ich sehe das, was ich sehen wollte: Ewige Felder, die Allee, die Stadt, das Dorf.
Für IHN wäre das zu einfach gewesen, zu eintönig, aber er sagt: „Wow.“
Ich sehe ihn an, er ist nicht wie ER. Er ist anders, besser.
„Das Mädchen vorhin war meine Cousine.“
Das ist erlaubt?
„Wir sind kein Paar“, sagt er und ich merke, dass ich wieder grinsen muss.
Dann spüre ich seine festen Lippen auf meinen. Dann ist da nur noch der Junge, nicht ER.
Ich weiß nicht, wie lange der Kuss andauert, aber es kommt mir vor wie eine Ewigkeit und trotzdem ist er viel zu schnell zu Ende.
„Wollen wir hier bleiben?“, fragt er.
Wenn ich tatsächlich von meinen Eltern heute Abend ein Geschenk bekommen würde, so ist mir das egal. Das Schönste sitzt gerade neben mir.
Ich nehme alles zusammen, was ich in mir habe. Versuche den schönsten Ton zu treffen und sage so leise wie möglich: „Ja“.
Und wie ein Wunder segeln kleine weiße Flocken auf uns herab.

Kommentare:

  1. Total schöne Geschichte. Auch toll geschrieben und ich bin begeistert und in Weihnachtsstimmung. :D

    Liebe Grüße
    Ellen

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    1. Danke, danke, danke =D
      Das freut mich wirklich sehr.

      Alles Liebe
      Luisa

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  2. Wirklich schön.Es ist zwar nicht wirklich überraschend, ber das hätte auch nicht zur Gechichte gepasst. :) Man kann echt noch einen Haufen hineininterpretieren:) Pass auf, dass keine armen kinder jemals diese Geschicht in Deutsch haben. Das wäre eine Verschwendung:)

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    1. Ja, ich wollte auch mal ein schönes Ende schreiben =D

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